Mittwoch, 23. November 2011

"Fahr zur Hölle, Ingo Sachs" im Deutschen Theater

Die Todesglocke des deutschen Autorenfilms schlug 1982: Rainer Werner Fassbinder starb, und Wim Wenders brachte nach vier Jahren qualvoller Arbeit seinen von Francis Ford Coppola produzierten Film "Hammett" heraus, der einer Kapitulationserklärung vor der Hollywood-Maschinerie gleichkam. Immerhin kam noch "Fitzcarraldo" ins Kino, aber es blieb dann auch Werner Herzogs letzter erträglicher Film für lange Zeit.

Der Jungregisseur Ingo Sachs ist eine Mischung aus allen drei Genannten: Er trägt einen weißen Fassbinder-Anzug, hat die Frisur des mittleren Wenders und spricht in jener beseelten Tonlage zwischen Prediger und Diktator, die Herzog heute noch anschlägt. Sachs ist die Hauptfigur des Musicals "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs", das Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger (Künstlername Studio Braun) auf die Bühne des Berliner DT bringen. Im schicksalhaften Jahre 1982 inszeniert dieser Sachs den fünften Teil des Selbstjustizdramas "Ein Mann sieht rot" mit Charles Bronson. Die Produzenten erhoffen sich vom europäischen Nachwuchsgenie eine künstlerische Blutauffrischung für die Serie. Und Sachs übererfüllt das vorgegebene Plansoll: Er stellt Parallelen zwischen Bronsons Rächer mit dem Revolver und Kleists Michael Kohlhaas her. In seiner Version heißt der Mann, der rot sieht, Michael Coolhaaze und fängt an zu töten, als ihm ein Polizist zwei Motorräder stiehlt.

Noch größenwahnsinniger verknüpfen hier Studio Braun die kulturellen Ebenen miteinander: Nicht nur das Kleist-Jahr und die Begeisterung für B-Movie-Stars der Siebziger, Retro-Chic und Blaxploitaton-Soul-Musik (wenn Bronson noch lebte, hätte ihn Tarantino gewiss längst wiederentdeckt), sondern auch noch brachialphilosophische Reflexionen über das Herr-Knecht-Verhältnis des Dramatikers zu seinen Figuren, die an Pirandellos "Sechs Personen suchen einen Autor" erinnern. Gelegentlich treten Studio Braun selbst in bizarren Schottenröcken auf und konfrontieren den sich allmächtig wähnenden Psychopathen Sachs damit, dass er ihr Geschöpf ist und alles schon im Textbuch vorgezeichnet ist - auch seine Höllenfahrt.

Damit wird dann auch noch die Brücke zum "Faust"-Stoff geschlagen. Mit dem hatten sich Studio Braun schon in "Dorfpunks", ihrer ersten großen Inszenierung 2009 im Deutschen Schauspielhaus insgeheim beschäftigt. Unter der Landjugendgeschichte aus den Achtzigern brodelten die durchsichtig als Pop-Trash getarnten Anspielungen auf die ganz große Hochkultur. "Dorfpunks" war der Auftakt einer Reihe sehr erfolgreicher Theaterproduktionen, an deren Publikumswirksamkeit das Trio nun in Berlin anknüpfen soll.

Doch irgendwas fehlt diesmal. Obwohl die Jungstars des Deutschen Theaters sich gewaltig komödiantisch ins Zeug legen: Ole Lagerpuschs Auftritt als Ingo Sachs ist die Mutter aller Regisseursparodien - wer hätte gedacht, dass dieser Kleist-Jüngling mal Didi Hallervorden auf dem eigenen Terrain schlägt. Katrin Wichmann als Bronsons Filmtochter lässt im Sturm der Komik manches von den Seelenqualen des Schauspielerdaseins ahnen - etwa wenn die anderen nach einer quälenden Vergewaltigungsszene sofort zum Essen rennen und sie allein am Set zurücklassen. Getoppt werden alle noch von Felix Goeser, der als Charles Bronson das Kunststück fertigbringt, atemberaubenden Quatsch zu reden und dabei viril, cool und komisch zugleich zu sein.

Vielleicht ist es die Musik, die ihnen allen das ambitionierte Konzept verdirbt. Zwar trifft das Showorchester unter Sebastian Hoffmann gut den funky Sound der Zeit, aber die Kompositionen der Studio-Braun-Leute bleiben beim ersten Hören konturlos. Und ein Musical ohne ein einziges Lied, an dessen Melodie man sich beim Heraustreten in die kalte Herbstluft noch erinnern kann, funktioniert auch im Staatstheater nicht. 

Die Welt

1 Kommentar:

  1. son quatsch, grade die lieder haben ohrwurmcharakter! mir geht nikotina turner schon seit tagen nicht mehr aus dem kopf!:D

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