Samstag, 10. Dezember 2011

"Das Käthchen von Heilbronn" im Deutschen Theater

An einer Hauswand in Prenzlauer Berg steht "Tötet Schwaben!" Niemand hält es für nötig, diesen Hassspruch abzuwischen, wie es zweifellos längst geschehen wäre, wenn dort zum Mord an nicht-deutschen Migranten aufgerufen würde. Schwaben sind zum Universalfeindbild geworden, denen die Ureinwohner Berlins - vom Berber auf dem Helmholtzplatz bis hin zum Volksbühnen-Chef Frank Castorf - ihre Misere ankreiden. Umso beseelter und überraschter lauscht man da einem Theatermärchen aus ferner Zeit, in dem ausgerechnet ein Berliner sich das "Schwabengebirge" als ein Fabelreich voller Wunder, Ritter, Engel und schöner Burgfräulein ausmalte.


Heinrich von Kleists "Käthchen von Heilbronn" spielt in der Stadt, die von der Romantik bis zu ihrer Zerstörung 1944 als Inbegriff mittelalterlicher Architekturherrlichkeit angesehen wurde. Das Stück gilt als eines der schwierigsten im deutschen Dramenkanon. Nicht so sehr wegen seiner bis zum Irrsinn unbedingt liebenden Titelheldin. Sondern vor allem, weil Gottes Gesandte dort mehrfach direkt in die Handlung eingreifen. Und damit werden heutige Theatermacher kaum noch fertig. Mit einer Penthesilea, die ihren Geliebten zerfleischt wie ein Tier, haben sie weniger Probleme als mit der Anwesenheit des Heiligen.

Auch Andreas Kriegenburg drückt sich bei seiner "Käthchen"-Inszenierung im Deutschen Theater Berlin davor, das Göttliche wirklich darzustellen. Er bedient dafür eines in unserem psychologieseligen Zeitalter immer häufiger benutzten Bühnentricks: Die Fabel wird einfach ins Hirn des Dichters verlegt. Die ganzen drei Stunden lang phantasiert Kleist in Wahrheit nur am Schreibtisch - unterbrochen von Zitaten aus Briefen, in denen Kleist seine Schwester Ulrike meist um Geld anfleht.

Ort der Handlung ist eine Schreibstube, an deren Holzwände unzählige Papierblätter mit poetischen Notizen geheftet sind. Der Guckkasten wird zum Zettelkasten. Wieder einmal hat der gelernte Modelltischler Kriegenburg das Bühnenbild selbst entworfen. Elias Arens, Barbara Heynen, Judith Hofmann, Alexander Khuon, Markwart Müller-Elmau und Jörg Pose sind die sechs mit Federkielen wedelnden Stellvertreter Kleists im Gehrock, die hier auch alle anderen Rollen spielen.

Oft hantieren sie dabei auch noch mit Puppen. Von lebensgroßen Rittern, über lilliputanerartige Dummys und Stabmarionetten bis zu den Figuren einer winzigen Spielzeugbühne reicht die Doppelgängerarmee, die, von den Schauspielern faszinierend geführt und synchronisiert, aufmarschiert. Das ist nachvollziehbar, hat doch Kleist einen theatertheoretischen Text über Marionetten geschrieben - und mit seinen Überlegungen eigentlich Menschen gemeint.

Die Auftritte der Puppen sind oft von magischer Schönheit. Vor allem die intrigante Anti-Heldin des Stückes, Kunigunde von Thurneck, wirkt als Puppe viel überzeugender als als Frau. Sie ist ja ohnehin nicht ganz echt: Der dramatische Umschwung setzt ein, als erst Käthchen und dann auch ihr geliebter Ritter Wetter vom Strahl merken, dass Kunigundes Anmut nur gemacht ist. Lange vor der Erfindung der modernen Schönheitsmedizin hat sie den Traum verwirklicht, ihre Hässlichkeit mit Hilfe von Ersatzteilen und Tinkturen abzuschaffen.

Aber man stellt einer Aufführung doch kein wirklich gutes Zeugnis aus, wenn man ihr nachsagt, sie sei umso besser, je weiter sie sich vom Theater entfernt. Wenn die Schauspieler selbst mal eine Figur ganz ohne Puppen darstellen müssen, kommen sie selten über eine Parodie hinaus. Ironie ist auch so ein Blechpanzer, mit dem sich die Gegenwart das Heilige vom Hals hält.

Das ist einerseits ganz in Ordnung, denn schon Kleists Stück ist ein Bastard zwischen Komödie, Schauerstück, Historiendrama und romantischer Liebestragödie. Es geht immerhin um eine schöne Fünfzehnjährige und einen erwachsenen Ritter, die von Engeln in der Silvesternacht im Traum miteinander verlobt worden sind. Nach unzähligen Femegerichten, Schwertgefechten, Gruseleinlagen in Köhlerhütten tief im Wald, Burg-Belagerungen, Bränden - immer in tiefer effektvoller Nacht - entpuppt sich das bürgerliche Kind als durch Vergewaltigung gezeugte Kaisertochter und seine Rivalin als Cyborg. Endlich läuten die Glocken für die Richtigen.

Kleist war zwar ein überspannter Feuerkopf, aber so spinnert, dass er das alles ernst nehmen konnte, war er nun auch wieder nicht. Der anpreisende Untertitel "Ein großes historisches Ritterschauspiel" verrät, dass es ihm auch ganz banal darum ging, von der Mittelaltermode seiner Zeit zu profitieren. Und tatsächlich war das "Käthchen" ja auch im 19. Jahrhundert sein erfolgreichstes Werk.

Dieses Kunststück wird Kriegenburgs "Käthchen" nicht wiederholen. Zwar gibt es zauberische Momente - etwa wenn zwei Schauspieler mit ihren Körpern ein Minigebirge formen, das, mit Modelleisenbahnbäumen bewaldet, zum Schauplatz eines Streits zwischen winzigen Ritterpuppen wird. Oder wenn Käthchen das Bild Wetter vom Strahls aus seiner brennenden Burg rettet und das lodernde Feuer nur durch die geschickt orange angeleuchteten Zettel entsteht, die im Luftzug wehen. Aber beim Text schwanken die Schauspieler doch allzu oft zwischen Ergriffenheit und Lachsack. Ein halbguter Abend. Das ist zu wenig, weil angesichts der vielen Stücke, die Kleist in diesem einen verschmolzen hat, mindestens eine fünffach gute Aufführung nötig gewesen wäre.

Die Welt

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