Freitag, 9. Dezember 2011

"Der große Gatsby" in Frankfurt, Bonn und Hamburg

Mit Hemden kann man Pokern. Der Traum, man könne sich mit Geld Liebe gewinnen, ist wohl nie direkter geschildert worden, als in jener Szene von F. Scott Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby", in der Jay Gatsby seiner verlorenen Liebe Daisy die edlen Hemden aus seinem Schrank wie Trumpfkarten hinblättert. Die Protz-Szene aus dem Jahre 1925 hat für heutige Werbefernsehzuschauer etwas bestürzend Gegenwärtiges. Nicht zuletzt deshalb, weil sie die Versprechen des Konsums zum Platzen bringt: Daisy wird zwar fast ohnmächtig, aber darin erschöpft sich die erotische Lockwirkung der Luxustextilien schon. Sie bleibt doch bei ihrem Ehemann, Gatsbys Rivalen.

Für einen schon zu Lebzeiten Totgesagten ist F. Scott Fitzgerald erstaunlich vital. Dazu trägt eine hartnäckige Liebe der Theaterleute bei. Sein "Gatsby" ist im November in Frankfurt, Bonn und in der kleinen Berliner Off-Bühne "Theater im Kino" auf die Bühne gebracht worden, eine weitere Fassung im Deutschen Schauspielhaus Hamburg soll im Januar folgen. Für Weihnachten 2012 ist dann Baz Luhrmans Film mit Leonardo DiCaprio angekündigt.

Das war nicht abzusehen, als Fitzgerald 1940 seinen langjährigen Alkoholismus erlag. Sein Tod wurde von den Zeitgenossen nicht gerade als Paukenschlag empfunden. Dabei war 1940 noch nicht einmal ein großes Schriftstellersterbejahr, nimmt man die russischen Jahrhundertautoren Michail Bulgakow und Isaak Babel einmal aus, die damals direkt oder indirekt Stalins Terror zum Opfer fielen. Trotzdem nahm die Welt vom Tod der drei literarischen Riesen kaum Notiz. Die Russen waren mundtot gemacht und halbvergessen. Fitzgerald war als Modeautor des vorvorigen Jahrzehnts abgehakt.

Ein Fehleinschätzung: Vor allem vor dem "Großen Gatsby" gibt es zurzeit kein Entkommen. Gemeinhin wird diese Gatsby-Manie mit dem Freiwerden der Urheberrechte 70 Jahre nach dem Tod des Autors erklärt. Auch deshalb erscheinen jetzt innerhalb eines Jahres drei Neuübersetzungen in Verlagen (dtv, Insel, Reclam), die das Buch früher nur aus der Ferne begehren konnten.

Die Erben Fitzgeralds waren besonders unerbittliche Wachhunde. Jedwede Dekonstruktion der Geschichte, wie sie in deutschen Theatern normal ist - in der Frankfurter Fassung wird der Erzähler Nick Carraway von gleich vier Männern gespielt - haben sie untersagt. Und Dramatisierungen ließen sie - etwa 1999 bei John Harbisons Oper - nur zu, wenn es nach richtig viel Geld roch.

Trotzdem erklären die frei gewordenen Rechte allein noch gar nichts. Der Gatsby-Boom hat viel mehr damit zu tun, dass alle glauben, in diesem Text aus den Zwanzigerjahren ein Seelen-Spiegelbild unserer kriselnden Gegenwart zu erkennen. Sowohl die Dramaturgin der Bonner als auch die der Hamburger Version bemühen für die Feste, die der reiche Gatsby in seinem Haus abhält, die Metapher vom "Tanz auf dem Vulkan". Vom "Turbomaterialismus" unserer Zeit, der den berühmten Satz über Daisy "Her voice is full of money" so vertraut klingen lasse, spricht Stephanie Graeve vom Theater Bonn. Am gleichen Satz-Beispiel erläutert Nicola Bramkamp vom Hamburger Schauspielhaus die "Ökonomisierung der Liebe", die Soziologen wie Eva Illouz in unserer Gegenwart diagnostiziert haben.

Gatsby, der Mann aus einfachen Verhältnissen, hat sich unter gewaltigen Anstrengungen neu erfunden, um Daisy zu gewinnen - inklusive Namenswechsel. Auch darin sieht Nicola Bramkamp etwas sehr Gegenwärtiges: Weitaus müheloser und banaler fänden heute derartige Transformationen im Internet statt.

Wer den Roman in die jetzige Zeit verlegen will, muss ihm nicht viel Gewalt antun. In Lothar Kittsteins Bonner Fassung wurde aus dem 1. Weltkrieg, in dessen Wirren Gatsby seine neue Identität findet, der Irakkrieg. Aus dem Whiskeyschmuggler wird ein Software-Dieb. Die Dramaturgin Stephanie Graeve weist auf das schöne Detail hin, dass sowohl die Blockadebrecher der Alkohol-Prohibition als auch Raubkopierer im englischen als "Bootlegger" bezeichnet werden können. Gatsbys Geschäftspartner Meyer Wolfsheim, der Betrug im großen Stil mit Sportwetten betreibt, darf seinen Job behalten - diese Profession ist heute so aktuell wie die des Börsenberaters Nick Carraway.

Das Buch erschien vier Jahre vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise von 1929. Gatsbys banaler Tod schien das Ende der vergoldeten Twenties und ihrer Börsenblase vorweg zu nehmen: Er wird aufgrund einer Verwechslung erschossen, keiner seiner nichtsnutzigen Partyfreunde kommt zur Beerdigung.

Im vergangenen Jahrzehnt, das von mindestens zwei Spekulationskrisen geplagt war, hat man Gatsby und die Menschen, die ihn geschaffen haben, als Projektionsflächen wiederentdeckt. Das betrifft ausdrücklich auch das Ehepaar F. Scott und Zelda Fitzgerald und ihren selbstzerstörerischen Lebensstil. 2007 gewann Gilles Leroy den Prix Goncourt mit seinem "Alabama Song", der die Fitzgeralds und ihre Ehe durch die naiven Augen Zeldas schilderte.

Der Glamour Gatsbys und der Fitzgeralds kann ohne kritische Umwege in die Retro-Verwurstungs-Maschinen der Kulturindustrie eingespeist werden. Das neue Interesse hat viel mit den Nostalgieschüben zu tun, die uns auch ein Swing-Revival beschert haben. Der Frankfurter Regisseur Christopher Rüping hält Gatsbys Behauptung, man könne die Zeit ungeschehen machen, für den Schlüsselsatz: "Die Brüder, Väter und Freunde der Gatsby-Generation sind im 1. Weltkrieg vom ,Stream of Time' geschluckt worden, und er begehrt nun heroisch gegen die Vergänglichkeit auf."

Das süße Gift der Gatsby-Nostalgie hat wohl kaum jemand besser kenntlich gemacht als das Avantgarde-Theater Elevator Repair Service. Dessen Version beginnt in einem schäbigen Büro in New York, der Stadt, in der "The Great Gatsby" erstmals gedruckt wurde. Hier fängt ein kleiner Angestellter an, das Buch laut zu lesen. Und während seine im Hamsterrad gefangenen Kollegen zunächst kaum zuhören, verwandeln sie sich nach und nach in die Figuren des Romans. Freunde der Werktreue kommen bei der New Yorker Bühnenfassung auf ihre Kosten: In acht Stunden wird jedes Wort des Romans vorgetragen. "Gatz", das 2006 Premiere hatte, war bald darauf auch auf deutschen Festivals zu sehen und es hat auf hiesige Dramaturgen augenöffnend gewirkt. In Amerika und in England durfte die Produktion übrigens ein Jahr lang nicht gezeigt werden - auf Intervention der Fitzgerald-Erben.

Die wünschten sich Gatsby immer so wie in der Verfilmung von 1974 mit Robert Redford. Da wurde der Stoff so romantisiert, dass sogar Daisy eine liebenswerte Person wurde. Dabei möchte man ihn Leser ständig zurufen: "Wach auf! Das ist doch bloß eine hohle Nuss."

Jenes romantische Gatsby-Bild will die Hamburger Bühnenfassung von Rebecca Kricheldorf stürzen. Viel grotesker würden die Figuren, kündigt die Dramaturgin Nicola Bramkamp an. Das ist in einem verborgenen Sinne werktreu. Denn eine Vorstufe von Fitzgeralds Buch trug den Titel "Trimalchio". So hieß der ehemalige Sklave und neureiche Emporkömmling in Petronius Arbiters antikem Roman "Satyricon", der - wie Gatsby - unzählige Schmarotzer auf seinen Partys bewirtet. Römische Dekadenz also. Noch eine Schleife, an der gegenwärtige Interpretationen einhaken können. 

Die Welt

1 Kommentar:

  1. So eine interessante Geschichte zu lesen und ich habe es sehr gerne gelesen. Mach weiter so mit der guten Arbeit.

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