Sonntag, 11. Dezember 2011

"Der Kirschgarten" in den Sophiensälen

Die Arbeit der Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein scheint auf Schauspieler einen unwiderstehlichen Magnetismus auszuüben. Mit jeder großen Inszenierung wächst der Anteil Stars im Ensemble des Duos – diesmal sind u. a. Devid Striesow, Joachim Krol, Lars Rudolph und Peter Kurth dabei. Beim Anblick und vor allem beim Anhören des „Kirschgartens“ in den Berliner Sophiensälen fragt man sich allerdings dreieinhalb Stunden lang, wofür Lensing/Hein diese Könner eigentlich brauchen. Wenn sie schon jeden Darsteller der Welt haben können, dann wäre es doch viel logischer gewesen, Aal-Jürgen vom Hamburger Fischmarkt, einen Einpeitscher aus der Hertha-Ostkurve, Claudia Roth von den Grünen, einen Karnevalssänger sowie andere Schreihälse, Permanenthysteriker und Volldampf-Betriebsnudeln zu verpflichten. Die würden den künstlerischen Ansprüchen der Inszenierung viel eher genügen können.

Denn selten ist außerhalb des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes einem Publikum dermaßen hartnäckig etwas vorgeschrien worden wie hier. Von der ersten bis fast zur letzten Sekunde krawallen die Beteiligten, als gelte es, den Lärm von Presslufthämmern zu übertönen. Womöglich schwebte Lensing/Hein genau so etwas vor: „Der Kirschgarten“ im Bauarbeitermilieu. Hinweise darauf gibt es: Zu Beginn kommen die Schauspieler mit großen Ziegelsteinen auf die Bühne und errichten innerhalb kürzester Zeit eine Mauer, die dann für die gesamte Zeit das wichtigste Ausstattungselement bleibt. Wenigstens hat sich niemand wichtig genug genommen, um sich für diesen Einfall auf dem Programmzettel als Bühnenbildner nennen zu lassen.

Die Mauer wird während der Inszenierung mehrfach umgestoßen und durchbrochen. Logischerweise geht dabei mancher Ziegel zu Bruch. Um der Verpestung des Raumes durch Ziegelsteinstaubwolken vorzubeugen, besprühen die Schauspieler die zersplitternden Steine mit fein zerstäubtem Wasser. Auch dieser vorbeugende Trick weckt den Verdacht, irgendjemand, der sich in der Baubranche auskennt, müsse an der Inszenierung beteiligt gewesen sein. Die Sophiensäle, diese historienreiche Spielstätte in der Hauptstadtmitte, sind gerade – unter minutiöser Konservierung ihres bröckelnden Deckenputzes und sonstiger dekorativen Verfallsmerkmale – renoviert worden. Man kennt das ja: Handwerker machen nie ihren Dreck weg. Möglicherweise haben sie nicht nur die Steine, sondern auch das Inszenierungskonzept liegengelassen.

Es geht ja auch wirklich um Immobilien in Anton Tschechows Stück. Als die Gutsbesitzerin Ljubow Ranjewskaja (Ursina Lardi) hochverschuldet aus Paris auf ihren Besitz in der russischen Provinz zurückkehrt, macht ihr der vom Bauern zum reichen Spekulanten aufgestiegene Lopachin (Devid Striesow) klar, dass sie noch nicht mal mehr die Hypothekenzinsen bezahlen kann. Die Rettung könnte in einem Bebauungsplan liegen: Wenn sie den legendären Kirschgarten abholzt, der ihrer Familie seit Jahrhunderten gehört, den maroden Familienwohnsitz abreißt und das Grundstück parzellenweise für Ferienhäuser verpachtet, wäre sie auf einen Schlag saniert. Da die Ranjewskaja und ihr Bruder Gajew (Peter Kurth) diese Geschäftsidee ablehnen, kauft Lopachin selbst den Kirschgarten, entmietet die Alt-Bewohner und macht einen schönen Gewinn. Ein Stück wie aus dem Mitteilungsblatt des Rings deutscher Makler.

Am erschütterndsten ist darin der Auftritt Peter Kurths. Die meist in Film und Fernsehen aktiven Striesow und Joachim Król, der sich mit kleinen Rolle des Kontoristen Epichodow zufrieden gegeben hat, sieht man zu selten im Theater, um sicher sagen zu können, ob sie auch leisere Töne anschlagen könnten. Zu vermuten ist es. Aber Kurth hat man gerade erst in seiner Stammbühne, dem wenige hundert Meter entfernten Maxim-Gorki-Theater, als einen eiskalten, aasig kultivierten, sehr, sehr gebändigten Ex-SS-Mann Max Aue gesehen, aus dessen Perspektive in der Theaterfassung von „Die Wohlgesinnten“ der Massenmord der Nazis geschildert wird. Er hat auch schon Proletarierfiguren wie den Polier John in „Die Ratten“ oder den Obersteiger in „Rummelplatz“ (immerhin unter der Regie des der Maximallautstärke auch nicht abgeneigten Armin Petras) weitaus leiser gespielt als hier ausgerechnet den sanften Schwätzer Gajev, von dem es heißt, er habe sein ganzes Vermögen in Bonbons verlutscht. Umso erschrockener ist man, zu hören, wie Kurth ins allgemeine Geschrei einstimmt. Sein Gajew hat wahrhaftig einen Riesenbedarf an Hustenpastillen für die geschundenen Stimmbänder.

Aber möglicherweise erfüllt Kurth damit genau die Anforderungen der Regisseure. Vielleicht wollen Lensing und Hein gerade das prollig Gewalttätige in Tschechows sonst oft so melancholisch gezeichneten Figuren herausstreichen. Eventuell möchten sie sogar, das nach dem Ende des Sozialismus so vernachlässigte Arbeiter-und-Bauern-Theater wiederbeleben. Für diesen ehrgeizigen Plan hält die Weltliteratur noch viele Stücke bereit, die sich weit müheloser ins Baustellenmilieu verlegen ließen. Neben Heiner Müllers „Zement“ und „Der Bau“ böten sich dafür u. a. „Bernarda Albas Fertighaus“ von Lorca, Brechts „Aufstieg und Fall der mahagonivertäfelten Stadtvilla“ und Grillparzers „Bruderzwist im Townhouse Habsburg“ an. 

Die Welt

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