Montag, 19. Dezember 2011

"Edward II" in der Schaubühne

Es ist ungewiss, ob Dramatiker des elisabethanischen Englands, die für den alltäglichen Bühnengebrauch schrieben, überhaupt an so etwas wie Nachruhm dachten. Christopher Marlowes zu Lebzeiten gedruckte Stücke trugen noch nicht mal seinen Namen auf dem Titelblatt. Falls er vom posthumer Glorie fantasierte, hätte sich Marlowe vermutlich nicht träumen lassen, dass ausgerechnet sein Drama "Edward II" alle seine anderen Schöpfungen überleben würde.

Marlowe ist ja heutzutage als Figur in Filmen und Romanen viel lebendiger als als Dramatiker: Der leicht asoziale, möglicherweise homosexuelle, hochtalentierte, ruhelose und schließlich unter mysteriösen Umständen ermordete Dichter und Geheimagent Marlowe ist wie für mysteriöse Fiktionen geschaffen. Er entspricht in seinem prallen, kurzen Villon-artigen Leben viel eher der Vorstellung vom elisabethanischen Dasein als der offenbar ziemlich brave und bürokratische William Shakespeare. Doch die meisten von Marlowes Schöpfungen wie "Der Jude von Malta" oder "Tamerlan" sind Spielplankuriositäten. Allein Edward ist so lebendig wie eine Figur aus dem Werk des großen Konkurrenten. Marlowe hätte sich vielleicht gefreut, halten doch manche Forscher „Edward II.“ für so eine Art persönliches Bekenntnisdrama des Dichters und den Gaveston für ein geheimes Selbstporträt – einen Hinweis auf seine Beziehung zum Freund und Förderer Thomas Walsingham.

Die Geschichte des Königs von England der wegen seiner Liebe zum unbeliebten niedrig geborenen Günstling Gaveston die Regierungsgeschäfte vernachlässigt, den Staatschatz zum Fenster rauswirft, das Kriegführen vergisst und den Adel brüskiert, gilt als eines der ersten Stücke Weltliteratur mit einer eindeutig schwulen Hauptfigur. Das erklärt ihren Erfolg im Zwanzigsten Jahrhundert. Der junge Brecht, der ja auch in seinem "Baal" ein bisschen mit der modischen Bisexualität flirtete, hat eine eigene Fassung von "Edward II" geschaffen. Spätestens seitdem der 1994 gestorbene Derek Jarman den Stoff verfilmte, ist Edward eine schwule Ikone geworden. Jeder homosexuelle Regisseur ist quasi verpflichtet, das Stück mindestens einmal in seinem Leben zu inszenieren.

In der Berliner Schaubühne habe Ivo van Howe und sein Bühnenbilder Jan Versweyveld es jetzt dorthin verlegt, wo Homosexualität auf der einen Seite und zynische Grausamkeit auf der anderen Seite der Normalfall sind: In einen Männerknast von brasilianischer Machart mit Zellen, die eigentlich nur Käfige mit Betonliegen sind. Im Hintergrund liegen ein paar Fitnessgeräte. Man sieht den neun Männern, die hier alle Rollen spielen, deren Gebrauch aber kaum an. Körperlich wirken die meisten eher von ihnen so, als hätten sie in diesem unfidelen Gefängnis allzu oft Küchendienst gehabt.

Auch Königin Isabella (Kay Bartholomäus Schulze), die aus enttäuschter Liebe anfängt, zusammen mit dem Lord Mortimer (Paul Herwig) gegen ihren Gatten zu intrigieren, ist eine "Queen" allenfalls in dem Sinne, an den Freddie Mercury dachte, als er den Namen seiner Band ersann. Die Botschaft der Gitterstäbe hat man schon verstanden, bevor das Stück überhaupt losgeht: Der britische Königshof ist eine brutale, blutrünstige Welt, in der man keine Schwäche zeigen darf. Und Liebe gilt hier als die unverzeihlichste aller Schwachheiten.

Vielleicht steckt auch noch eine andere Idee dahinter: Wenn Schauspieler von heute schon keine Adeligen aus dem 14. Jahrhundert spielen können, die sich ein Dramatiker des 17. Jahrhunderts ausgedacht hat, dann lässt man sie eben gegenwärtige Schwerverbrecher spielen. Nur leider können sie das noch viel weniger. Am allerunglaubwürdigsten sind diese Wohlstands-Nichtmehr-Ganz-Jünglinge, wenn sie mal richtig die brutale Sau rauslassen sollen. Dann schlagen sie mit Eisenstangen gegen die Gitterstäbe wie kleine Jungs, die mit ihrem Holzbaukasten hämmern. Dann schütteln sie die Federn aus den Zellenkissen wie Frau Holles züchtige Haushilfe.

Erst recht gelingt es den Darstellern ihnen nicht, einleuchtend zu machen, warum die Häftlinge mit ihrem Casual-Gefängnishof-Look in der geschraubten Sprache elisabethanischer Poesie reden. Es bereitet ihnen hörbar unsagbare Mühe. Das ist nur einer von vielen Widersprüchen, an denen diese im schlechtesten Sinne zeitgenösse Inszenierung klumpfußt. Ein paar weitere: Wieso gibt es in diesem Dritte-Welt-Knast eigentlich eine Videoüberwachungsanlage, von der die Direktoren westlicher Hightech-Gefängnisse nur träumen können? Und wieso regen sich ausgerechnet an diesem frauenfreien Ort, wo man sich lieber nicht nach dem sprichwörtlichen Stück Seife unter der Dusche bücken sollte, eigentlich alle so über die Männerliebschaft des Königs auf?

Auch die ganze Staatsaffäre hinter der Liebestragödie verliert hier komplett jede dramatische Basis. Die Adeligen in Edwards Stück empören sich ja vor allem deshalb so über die Bevorzugung Gavestons, weil dieser ein Emporkömmling aus einfachsten Verhältnissen ist. Aber so etwas wie die Standesehre der Lords und Peers hat in einem prolligen Gefängnis überhaupt keinen Sinn.

Trotzdem beginnt man, nachdem man sich eine Stunde lang angesichts des Liebesschwärmens zwischen Edward (Stefan Stern) und Gaveston (Christopher Gawenda) gelangweilt hat und auch die verschwörerische Gezicke und Geflenne in diesem Männerhort kaum mehr Dramatik entwickelte als eine Folge „Der Frauenknast“ auf RTL, sich trotzdem für Edward zu interessieren. Der Trick funktioniert bei jeder Inszenierung von Marlowes Stück und sei sie noch so fad: Kaum ist der König entmachtet und wird im Gefängnis unter der brutalen Aufsicht des Schinders und Mörders Leicester (Urs Jucker) zu seiner kotbeschmierten nackten Leidensfigur, empfindet man plötzlich Sympathie für diese royale Nervensäge. Man hofft, dass sein minderjähriger Sohn Edward III., den Mortimer und Isabella als wichtigste Spielkarte ihres Machtpokers in den Händen halten, ihn nach seinem Regierungsantritt rächen wird. Man ist befriedigt, wenn der Thronfolger dann Mortimer tatsächlich einen Kopf kürzer machen lässt. Und man hat man Ende fast vergessen, was für einer mittelmäßig klischeemodernen Aufführung man hier sehr gedehnte zwei Stunden lang beigewohnt hat.

Die Welt

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