Donnerstag, 8. Dezember 2011

"Tschick" in Dresden und Berlin

Zwar kann man in den menschenleeren Weiten Ostdeutschlands mittlerweile durchaus Wölfen und Straußenvögeln begegnen, aber Wüsten und Kakteen haben sich dort noch nicht ausgebreitet. Das Bühnenbild von "Tschick" in Berlin bringt eher die unklaren, etwas abenteuerlichen Vorstellungen auf den optischen Punkt, die Maik Klingenberg von der Walachei hat. Dorthin sind er und sein deutschrussischer Freund bekanntlich mit einem gestohlenen Lada unterwegs.

Die anachronistische Geologie und Botanik im Deutschen Theater verknüpfen die ziellose Reise von Maik und Tschick aber auch auf rauschhafte Weise mit den Trips anderer klassischer Road-Novel- und Road-Movie-Helden, die dort unterwegs waren, wo die Kakteen wirklich wachsen: Dean Moriarty und Sal Paradise aus "On the Road", Wyatt und Billy aus "Easy Rider", aber auch Thelma und Louise. Diesen fantastischen Effekt unterstreichen noch die Country-gefärbten Rockakkorde, mit denen der Musiker Arne Jansen, unter einem Cowboyhut hervorblickend, das ziellose Treiben der beiden Jungen begleitet.

14 Monate ist es her, dass Wolfgang Herrndorfs Roman "Tschick" erschien. Seitdem ist jeden Monat eine neue Auflage erschienen - und jetzt haben sich gleich zwei Theater in Berlin und Dresden darangemacht, das Buch zu dramatisieren. Das ist selbst für die romangeile deutsche Bühnenlandschaft eine Rekordzeit. Beide Aufführungen beruhen auf einer Bühnenfassung des Dresdner Chefdramaturgen Robert Koall, deren handwerklicher Solidität man nicht anmerkt, dass der Mann mal Assistent von Christoph Schlingensief war. Andererseits - eine "Tschick"-Inszenierung von Schlingensief selbst ... Aber das ist ein ganz anderer Traum. Die Dresdner Version ist ein bisschen besser, weil hier nicht sämtliche Rollen von nur zweieinhalb Schauspielern gespielt werden wie in Berlin. In Sachsen werden die Pointen, die in Herrndorfs Text stecken, auch zuverlässiger erkannt und betont. Aber lachen darf man auch in Preußen genug.

Die Berliner behaupten sich gegenüber den Dresdnern andererseits ganz gut, weil sie mindestens einen klasse Song im Programm haben: Maik verarbeitet seine Enttäuschung darüber, vom Schulschwarm Tatjana Cosic missachtet worden zu sein, mit dem Lied "Ich bin nicht eingeladen", das zwischen Funny van Dannen und dem Blues oszilliert. Da ahnt man, dass vielleicht auch "Tschick - die Rockoper" oder "Tschick - das Teenie-Musical" möglich wären.

Man errät hier aber auch, warum Herrndorfs Buch so ein Bestseller geworden ist: Weil seine Utopie nicht nur Jugendliche anspricht. Den Schlüsselsatz sagt Maik, nachdem er nachts um vier einen Unbekannten angerufen hat und dieser ihm Hilfe anbietet: "Seit ich klein war, hatte mein Vater mir beigebracht, dass die Welt schlecht ist. ... Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war."

Maik und Tschick entdecken das fremde Reich der Güte. Die frommen Ökos, die dicke Sprachtherapeutin, der durchgeknallte alte Scharfschütze - eigentlich alles supernette Leute, selbst dann, wenn sie auf dich schießen. Und mit dem altertümlichen Namen Anselm Wail, den die Kids irgendwo ins Holz geschnitzt lesen, weht von jenseits des Grabes der Klang einer ganz fernen Romantik in ihr junges Leben herüber.

Sogar die Müllkippe, auf der sie dem Mädchen Isa begegnen, ist ein Wohlstandsparadies. Es gibt schließlich viele Länder, in denen um solche Halden tödliche Gangkriege geführt werden. Und auch die Obrigkeit verhält sich einwandfrei: "In Russland prügeln sie dir sieben Sorten Scheiße aus dem Hirn - aber hier!", sagt Tschick. Ja, hier ... Hier spricht der Richter ein Urteil, das milder gar nicht ausfallen konnte. Hier kommt auch auf hartnäckiges Nachfragen des besorgten Arztes nichts anderes heraus, als dass Maik sich die Kopfwunde zuzog, als er auf der Wache mit Blutverlust vom Stuhl fiel. In 99 Prozent aller Länder der Welt würde der Doktor alles tun, um die Polizeibrutalität zu verschleiern.

Maik und Tschick, zwei Achtklässler in einem viel zu großen Auto mit viel zu großen Plänen, kommen fast heil zurück, weil sie die ganze Zeit getragen werden von einem Land, das ziemlich okay ist - um nicht zu sagen: geradezu märchenhaft. Das düstere Motto von "Easy Rider" wird auf den Kopf gestellt. Es lautete: "Ein Mann suchte Amerika, doch er konnte es nirgends mehr finden." Maik und Tschick suchen gar nichts. Aber sie finden ein Deutschland jenseits des Pessimismus, der für viele Menschen hierzulande Religionsersatz geworden ist. 

Die Welt

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