Sonntag, 11. Dezember 2011

"Wolokolamsker Chaussee" im Haus der Berliner Festspiele

Man hat sich allmählich daran gewöhnt, dass die besten Heiner-Müller-Inszenierungen nicht aus Deutschland oder doch zumindest von ausländischen Regisseuren kommen. Herausragendes Beispiel war „Anatomie Titus/Fall of Rome“ von Johan Simons, das Ende des letzten Jahrzehnts einen so nachhaltigen Eindruck hinterließ, dass der Niederländer gleich auf den Intendantenstuhl der Münchner Kammerspiele katapultiert wurde. Auch von Polen aus betrachtet sieht Heiner Müller besser aus. Frischer. Jünger. Weniger Retro. Das mag im Falle von „Szosa Wolokolamska“(Wolokolamsker Chaussee I-V), das bei Berliner Festspielen gastierte, auch am Alter der Beteiligten liegen: Sowohl die Regisseurin Barbara Wysocka als auch die Schauspieler Adam Cywka, Rafal Kronenberger und Adam Szczyazczaj sind um die 30.

Was sie mit Müllers fünf Szenen über Verrat in der Geschichte des Kommunismus machen, darf getrost eine Wiederentdeckung genannt werden. Die in den Jahren 1984-86 kurz vor Müllers wende- und krebsbedingtem Verstummen entstandenen Kurzstücke kommen erfreulicherweise ohne ddie ranzige Sexualmetamphorik aus, die beim späten Müller so sehr nervt.

Völlig zurecht geht er in seiner Geschichtsinterpretation davon aus, dass der deutsche Kommunismus nicht mit Karl Marx, Rosa Luxemburg und Teddy Thälmann begann, sondern an jener titelgebenden Moskauer Ausfallstraße, wo im Winter 1941 der Vormarsch der deutschen Wehrmacht gestoppt wurde – Wendepunkt des 2. Weltkriegs. Keiner der DDR-Funktionäre, die in den Stücken den Aufstand 1953, aber auch das weitaus nachhaltigere Aufmucken der Jugend Ende der Achtzigerjahre erleben, macht sich irgendeine Illusion darüber, wem sie die Chance verdanken, den Sozialismus in ihrem Land aufbauen zu können: den Panzern, die hier als eine fast gottgleiche Geschichtsmacht angebetet werden. Sowohl der russische Kommandeur in den ersten Stücken (nach einem Roman von Alexander Bek) als auch der Fabrikleiter in der 17.-Juli-Szene beschwören die Kampfkolosse geradezu herbei. Kommunisten glauben nicht an Gott – sie glauben an Stahl, und der Diktator, der die Panzer schickte, wollte aus Stahl sein wie sie und nannte sich deshalb „der Stählerne“.

Zu sehen bekommt man diese Macht in Wysockas Inszenierung nie – sie bleibt mythisch. Wichtigste Requisiten sind drei altmodische Bürokratenschreibtische. Mögen die Panzer den Kommunismus ermöglicht haben – mit solchen Schreibtischen wurde er verwirklicht. Hinter ihnen hocken Kombinatsmitarbeiter ebenso wie Stasileute. Auch die Videofilme von Lea Mattausch, die im Hintergrund projiziert werden, deuten kaum konkret Historisches an: eine Autofahrt durch ein verschneites Waldgebiet, eine Dokumentation von einem Walfangschiff und ähnliches. Die Schauspieler verwandeln sich auf offener Bühne mit Hilfe von Kostümen und Perücken. Und irgendwie gibt die polnische Sprache (der Originaltext wird mit Übertiteln geliefert) dem Stück noch einmal eine weitere Dimension - ohne eine platte Gleichung aufzumachen. Den Künstlern aus Krakau mag das alles bekannt vorkommen, aber Wysocka sagt: „ich versuche nicht, mit Heiner Müllers Text polnische Geschichte zu erzählen. ,Wolokolamsker Chaussee‘ ist ein Text über die Verwirklichung des Menschen in die Geschichte und in ein politisches System. Ein universeller Text.“

Barbara Wysocka ist hierzulande bisher allenfalls als Darstellerin bekannt. Sie spielte die Museumführerin Ania in Robert Thalheimers Film „Am Ende kommen Touristen“ über einen Zivildienstleistenden in Auschwitz. Mit Marc Metzgers „Nachmieter“, der 1945 in Schlesien spielt, wo Polen von Deutschen verlassene Häuser beziehen, wird sie im Wettbewerb des Max-Ophüls-Festivals 2012 zu sehen sein. „Deutsche“ Themen liegen ihr offenbar, neben Heiner Müller hat auch „Kaspar“ von Handke und die polnische Erstaufführung von Büchners „Lenz“ inszeniert.

Ihr Blick auf Müllers Werk ist erfreulich frei von jener Verbissenheit, die die Rezeption des Klassikers hierzulande lähmt. Müller hatte das Problem wohl selbst erkannt hatte, deshalb wünschte er sich kurz vor seinem Tode Inszenierungen von Castorf und Wilson. Doch sowohl der Jüngere als auch der Amerikaner verfingen sich in den staubigen Spinnweben einer damals schon kodifizierten Rezeption. In Deutschland gibt es vielleicht immer noch zu viele illegitime Müller-Witwen beiderlei Geschlechts, die sich an überlieferte Darbietungsweisen klammern, weil der Dichter Teil ihrer eigenen Vergangenheit ist. 

Die Welt

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