Freitag, 8. Mai 1998

"30 60 90 ° - durchgehend geöffnet" im Theater des Westens

Armes Bielefeld! An diesem Wochenende sind sie aus der Bundesliga abgestiegen. Und in Berlin, bei der Uraufführung des Musicals „30 60 90° durchgehend geöffnet“ (Regie: TdW-Hausherr Helmut Baumann), mußte die Dr.-Oetker-Stadt einmal mehr als Inbegriff der West-Provinz herhalten. Von dort kommt die Jurastudentin Petra (Anna Bolk), die in einem Waschsalon in Prenzlauer Berg das Abenteuer und die Liebe findet. Wie wär's mal mit Augsburg, Kassel oder Braunschweig?

Auch sonst verraten die Namen viel über den verstaubten Humor, der hier versucht, das Lebensgefühl der 90er Jahre zu erhaschen. Mag sein, daß es irgendwo noch Jugendliche gibt, die „Hotte“ und „Pit“ heißen. Aber wenn Theaterfiguren diese schönen Namen tragen, dann riecht das nach der fernen Adenauer-Ulbricht-Ära, in der die Autoren Heinz Kahlau und Felix Huby sichtbar ihre späte Jugend verbracht haben.

Und als dann ein Mädchen namens „Girlie“ auftaucht, ist klar, wohin die Reise geht: In ein Klischee-Berlin, das von gutherzigen Waschfrauen (Lichtblick 1: Dagmar Biener), schwulen Modedesignern, obdachlosen Zeitungsverkäufern, Maklern, Müslis und netten Nutten (Lichtblick 2: Silvia Wintergrün), bevölkert wird. Die Klischees werden nicht besser dadurch, daß sie auf der Straße liegen.

Ausgangssituation, Nebenfiguren und einige Handlungsstränge kommen uns obendrein aus Volker Ludwigs letzten Grips-Musical „Café Mitte“ ziemlich bekannt vor. Aber dort gaben die Schauspieler den Klischees wenigstens einen Anstrich von Echtheit. Hier sind nur die Kostüme (Marianne Schmidt/Brabara Kremer) wahrhaftig.

Ein paar Ohrwürmer hätten den Abend retten können. Doch schon die Ouvertüre ist eine Orchester-Soße, die Max Greger vor 30 Jahren in der „Starparade“ besser dirigiert hätte, als Robert Edward im Theaters des Westens. Dem entsprechen die hausbackenen Fernsehballett-Choreographien von Melissa King. Wenn vertrocknete Nußecken tanzen könnten, dann so. Nur ein Couplet der Waschfrau Minchen über die idealen Lebensalter einer Frau ist geglückt. Und die Rap-Einlagen (Songtexte: Thomas Pigor) der rechten Schlägertruppe um den bösen Hotte (Detlef Leistenschneider) und die noch bösere Girlie (Mona Graw) funktionieren nicht schlechter als der übliche deutsche Radio-Rap.

Leerstellen im Zentrum des Nichts sind die Hauptdarsteller: Ole Solomon Junge als schwarzer Jazzer Pit hat Muskeln, die nicht nur die Tunten auf der Bühne erwärmten, und er kann Trompete spielen. Aber Gesang ist ihm nur in Maßen gegeben. Und Anna Bolks Stimme klingt angenehm wie ein VW-Käfer mit Auspuffschaden, der eine Kette Blechdosen hinterherschleift.

BZ Berlin

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