Mittwoch, 4. Januar 2012

"Danton's Tod" im Berliner Ensemble

Ein Hauch von Schuhfetischismus liegt über der Französischen Revolution. Danton fragt Robespierre: „Nicht wahr Unbestechlicher, es ist grausam dir die Absätze so von den Schuhen zu treten?“ Als man ihm zur Flucht ins Ausland rät, sinniert er: „Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?“ Und als das vor Sinnlichkeit dampfende Schlachtross des Aufstands und seine Gesellen selbst unter die Guillotine geschickt werden sollen, sagt er zu Camille Desmoulins: „Morgen sind wir durchgelaufene Schuhe, die man der Bettlerin Erde in den Schoß wirft.“ Schuh-Metaphern sind in Georg Büchners Drama „Danton’s Tod“ (der Genitivapostroph stammt übrigens vom Dichter – im 19. Jahrhundert waren die Rechtschreibregeln noch nicht so fixiert) so häufig, dass man denken könnte, am 14. Juli 1789 wäre in Paris der Schuhschrank des Königs gestürmt worden und nicht die Bastille.

Die Besessenheit ist authentisch. Viele Schuhzitate stammen aus den Quellen – den zeitgenössischen Revolutionsgeschichten von Adolphe Thiers und Johann Conrad Friedrich, aus denen Büchner bis zu 20 Prozent seines Textes übernommen hat. Sie reflektieren – wie der Begriff „Sansculotten“ (also Leute, die keine vornehmen Kniebundhosen tragen) - den höheren Wert, den Kleidung damals hatte. 1793 beschlagnahmte der Revolutionskonvent Schuhe mit doppelter Sohle für die Revolutionsarmee, den Enteigneten wurde nahelegt, Holzschuhe zu tragen. Schon der Besitz eines Schnupftuchs konnte verdächtig machen. Einmal wollen Volksmassen in Büchners Stück einen jungen Menschen hinrichten, weil er sich nicht wie sie die Nase mit den Fingern schnäuzt.

Der unglückselige Jüngling trägt in Claus Peymanns „Danton“-Inszenierung im Berliner Ensemble, über die wir nun traurigerweise doch ein paar Worte verlieren müssen, als einziger Mann bunte Hose und Weste. Sonst wird nur noch den Huren Farbe zugestanden. Die Revolutionäre und das Volk sind durch strenge Farblosigkeit gekennzeichnet: Das Volk und die Robespierre-Partei tragen schwarz, die Dantonisten weiß. Mit einer Ausnahme: St. Just, der Todesengel, der Kronjurist Robespierres, hat eine bunte Binde am Hals - dieser Clown des Terrors scheint zu seinem eigenen Fanatismus eine ironische Distanz zu pflegen, was wiederum den Auftritt seines Darstellers Georgios Tsivanoglou vergleichsweise erträglich macht, denn er muss sich nicht immerfort so wahnsinnig brüllend aufregen wie die anderen.

Überwiegend schwarz ist auch die Bühne von Karl-Ernst Hermann. Von zwei steilen Wände rechts und links blicken die Revolutionsdeputierten herab. An ihren Fluchtpunkt im Bühnenhintergrund wird geköpft und gehängt. Das alles sieht ein bisschen aus, als hätte man die Ausstattung einer alten Robert-Wilson-Inszenierung in diesem Theater am Berliner Schiffbauerdamm vom Sperrmüll zurückgeholt. Auch die wilson-haft weißgeschminkten Gesichter, gern mit roten Bäckchen, die Peymann seinen Schauspielern immer verpasst, verstärken die Desorientierung des Zuschauers darüber, wie denn nun genau der Regisseur heißt.

Aber Wilsons eigener „Danton“ im Berliner Ensemble liegt schon 13 Jahre zurück. Es war trotz pompöser Star-Besetzung mit Edith Clever, Martin Wuttke, Fritzi Haberland und Annette Paulmann nur matt im Gedächtnis geblieben. Aber während man jetzt die drei Stunden Peymann absitzt, vergoldet sich die Erinnerung daran. Sogar Angela Winkler, die hier einen kurzen Auftritt als Kokotte Marion hat, küsst die neue Aufführung nicht wach. Der Terror geht hier nicht von der Guillotine aus, sondern von einer bräsigen Darstellungsbürokratie. Man muss sich die Französische Revolution nach diesem Abend vorstellen, wie eine extrem langweilige Zirkusvorstellung ohne Akrobaten. Völlig rätselhaft bleibt, warum ein junger Mann wie Büchner dieses von spuckenden Spießern veranstaltete Spektakel fast 50 Jahre später noch so spannend fand, dass er ein Stück darüber schrieb.

„Danton’s Tod“ spielt am Wendepunkt der Revolution 1794. Danton, dessen Energie mehrfach die Revolution vor ausländischen Invasoren und inneren Feinden gerettet hat, der aber auch die „Septembermorde“ an wehrlosen Gefangenen zuließ, will nicht mehr weiter Köpfe rollen lassen. Darüber kommt es zum Bruch mit dem schmallippig tugendhaften Quasi-Diktator Robespierre (Veit Schubert), der dem Frauen und Wein verschlingenden Volkstribun schon lange seine Popularität neidet. Büchner, der in seiner hessischen Heimat selbst in revolutionäre Umtriebe verstrickt war, macht daraus einen düster fatalen Abgesang, auf die Hoffnung, man könne die Welt mit staatlich organisierter Gewalt zum Besseren verändern.

Ulrich Brandhoff spielt den müden Revolutionär Danton nicht als erschlafften, dicklichen Lebemann, wie er sonst gern gezeigt wird (und wie es wohl in Wirklichkeit auch war), sondern eher als einen jungen Kerl, der vor noch nicht allzu langer Zeit den Lebensgenuss entdeckt hat. Das hätte in einer anderen Inszenierung interessant sein können.

Am schlimmsten wird es, wenn Peymann das Publikum mit Einfällen behelligt. Die haben bei ihm ja schon seit Langem eine Tendenz zur Putzigkeit. Nachdem St. Just mit einer Rede die am Terror zweifelnden Deputierten des Nationalkonvents auf Linie gebracht hat, stimmen sie – wie bei Büchner vorgeschrieben – alle zusammen die „Marsellaise“ an. Diesmal klingt es tatsächlich entschlossen und bedrohlich, nachdem das Lied zuvor immer nur zaghaft, melancholisch, fast verjazzt oder verklezmert zu hören war. Aber der Regisseur will sich auf diese Wirkung nicht verlassen. Er lässt die Konventsmitglieder am Schluss plötzlich kleine französische Fähnchen schwenken, die dann wie Wurfpfeile zu Boden sausen. Angesichts solcher Banalitäten muss man aber auch das Positive sehen: Immerhin spricht hier keiner mit jenem unwitzig-parodistischen „Frongreisch“-Akzent, in den deutsche Schauspieler fast immer verfallen, wenn sie Franzosen spielen.

Später lässt Peymann den Mob beim Revolutionstribunal mit Klopapierrollen werfen. Das kennt man aus Fußballstadien, wo es ja eher als Ausdruck der Begeisterung und der Partylaune gilt. Sehr bedrohlich wirkt es nicht. Im Übrigen: Das Volk hält Schnupftücher für verachtenswerten Luxus, hat aber so viel Toilettenpapier übrig, dass es damit werfen kann?

So dengelt der Abend dahin. Keine Katastrophe, nur Mittelmaß, das im krassen Gegensatz zu den Ansprüchen des Regisseurs und zur Größe des Stücks steht. Spannung kommt nur beim wie üblich künstlich ausgedehnten Schlussapplaus auf, wenn man darauf wartet, dass irgendwer auf dem Klopapier ausrutscht und die Bühnenschräge hinunterglitscht. Aber das passiert natürlich auch nicht.

Die Welt

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