Mittwoch, 25. Januar 2012

"Die schmutzigen Hände" im Deutschen Theater

Millionenfach hat man Jean-Paul Sartre in den letzten Jahrzehnten als Bühnenautor totgesagt - obwohl mindestens genauso oft seine Lebendigkeit bewiesen wurde. Noch als der Kultursender Arte 2008 den größten europäischen Dramatiker wählen ließ, konnten sich viele Sartres achten Platz nur mit einer französischen Verschwörung erklären. Dabei ist doch gerade "Die schmutzigen Hände" im vergangenen Jahrzehnt zu einem Prüfstein geworden, an dem jeder große Regisseur sich einmal versuchen muss. Nicolas Stemann, Frank Castorf und Andreas Kriegenburg haben es unter anderem inszeniert, und die beiden letztgenannten waren damit auch zum Theatertreffen eingeladen.


Offenbar fühlt sich die seit drei Jahren unaufhaltsam in die erste Liga drängende Jette Steckel nun auch schon reif genug, um im Deutschen Theater Berlin die Sartre-Prüfung zu absolvieren. Wer zuletzt Schillers nicht gerade anfängertauglichem "Don Carlos" bewältigte, muss "Schmutzige Hände" erst recht nicht fürchten. Beide Stücke haben ein paar Gemeinsamkeiten: Es geht um die Freiheit des Einzelnen in Zwangssystemen, wobei die kommunistischen Protagonisten bei "Schmutzige Hände" im Grunde schlimmer dran sind als die im Spanien der Inquisition. Denn sie werden von mehreren Seiten bedrängt: von den Deutschen, die das erfundene Balkanland Illyrien im Griff halten, von ihren bürgerlichen und monarchistischen Gegnern und von der eigenen Partei, die alle Abweichler mit Mord bedroht.


Der Idealist, dessen Ankunft das tödliche Geschehen in Gang setzt, heißt bei Sartre Hugo. Allerdings ist er ein Anti-Posa: Er möchte seine bürgerliche Gedankenfreiheit abstreifen. Diese Rolle des Hugo mit Ole Lagerpusch zu besetzen ist auch deshalb ein schöner Zug, weil man ihn hier schon als Schiller- bzw. Kleist-Jüngling gesehen hat. Also denkt man die deutschen Klassiker (die Sartre besser kannte als heute viele Deutsche) jetzt nicht nur mit - man sieht sie gewissermaßen auch.


Hugos Gegenüber ist der Parteifunktionär Hoederer, ein verkappter Humanist unter Inhumanen, das Schaf im Wolfspelz gewissermaßen. Aber zugleich klug wie eine Schlange. Auch er wünscht sich den Sieg seiner Ideologie, aber er ist nicht ganz so geil wie die anderen darauf, diesen Triumph mit Hunderttausenden Toten erkaufen.


Ulrich Matthes zeigt ihn als verführerisch lässige Betriebsstörung in der roten Mordmaschine. Hugo, der wie so viele Bürgerjünglinge des 20. Jahrhunderts eigentlich nur ungestört aus dem Bannkreis des reaktionären leiblichen Vaters in die Arme des roten Übervaters Stalin flüchten will, empfindet seine Argumente als eher störend. Er möchte zur Bekräftigung des neu geschlossenen Bundes gerne Leben opfern - sein eigenes auch, wenn's sein muss. Aber vor allem das von Hoederer, mit dessen Liquidation ihn die Partei beauftragt hat.

In den Dialogen der beiden Männer entwickelt Jette Steckels Aufführung, die zunächst ein bisschen poptheater-putzig beginnt, allmählich eine große Ernsthaftigkeit. Dabei hilft, dass hier Sartres Stück relativ textfromm gespielt wird (im Gegensatz etwa zu Castorf, der mit Gedichten des Serbenführers Karadzic sowie den Zeugnissen bosnischer Vergewaltigungsopfer anreicherte).


Die eigentlichen Bewegerinnen der Handlung sind aber die Frauen. Auf der einen Seite die Parteigenossin Olga, die wohl gerne Bettgenossin Hugos wäre und die von Maren Eggert etwas weniger kalt und aufrichtig liebender porträtiert wird als sonst üblich. Ihre Gegenspielerin ist Hugos Ehefrau Jessica, deren glamourös "amerikanischer" Name sie schon als gefährliche Verlockung zum ideologischen Sündenfall charakterisiert. Katharina Marie Schubert spielt sie anbetungswürdig als ein Wesen wie aus einem Godard-Film der 60er-Jahre über die Kinder von Marx und Coca Cola: Scheinbar naiv treibt sie durch ihre erotischen Intrigen den Mord voran. Sie schmuggelt die Pistole in der Unterwäsche in Hoederers gut bewachtes Versteck, und sie lockt ihn aus seinem revolutionären Zölibat. Angesichts dieses Anblicks entsichert Hugo endlich seine Waffe.

Dadurch wird Hugos emotional ladegehemmte Pistole zum eindeutigen Phallussymbol, ohne dass es nötig wäre, dieses allzu plump zu unterstreichen. Bei einem Autor wie Sartre, der das Drehbuch zu einem Freud-Film geschrieben hat, ist das geradezu logisch. Wenn Hugo Hoederer während einer entscheidenden Debatte eine imaginäre und die echte Waffe an den Kopf hält, dann bekommt das eine wirklich sehr dezent homosexuelle Note. Und es wird klar, dass Jessicas Übergriffe gegen Hoederer vielleicht auch aus sexueller Notwehr erfolgen. Und Hugos Tod am Ende des Stücks - hier schießt er sich selbst in den Kopf, statt sich liquidieren zu lassen - wäre nicht nur die Konsequenz fataler politischer Desillusionierung, sondern ein spätes Liebesopfer für den politischen Sugardaddy.

Am Ende sind sie irgendwie alle Tote - manche mit, manche noch ohne Begräbnis. Und Jean-Paul Sartre strahlt lebendiger denn je - zumindest als Dramatiker. Sein Ruhm als Stückeschreiber wächst in dem Maße, in dem sein Kurs als Philosoph fällt. Folgerichtig werden seine Dramen umso mehr gespielt, je weniger existenzialistisch sie sind. "Die Fliegen" wirken heute so muffig wie ein verpupstes Sofa aus den Fünfzigerjahren. Aber "Die schmutzigen Hände" darf nach dieser Aufführung erneut gepriesen werden als das wohl beste politische Stück des 20. Jahrhunderts.

Die Welt

Kommentare:

  1. Ich finde es prima, dass Sie ihre Theaterkritiken auf diesem Blog öffentlich zugänglich machen. Auch ihre Filmkritiken und Berichte über Festivals & Co. wären prima in einem eigenen Blog aufgehoben...

    Gestatten Sie mir diesbzgl. eine Frage:
    Ich habe ihren älteren Berlinale-Bericht "Zweimal Che Guevara auf der Berlinale" vom 11.02.2004 (Welt.de), inkl. längerem Zitat, verlinkt (siehe www.moviefans.de/a-z/c/che-guevara). Ist das für Sie in der Form akzeptabel? Über eine kurze Rückmeldung würde ich mich freuen...

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    1. Das ist absolut okay. Ich freue mich, dass ein Artikel, an den ich mich selbst kaum noch erinnern konnte, auf diese Weise weiterlebt.

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    2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Ich bin gerade eine Woche nicht in der Redaktion und möchte ungern von zu Hause anrufen. Können Sie mir nicht einfach eine E-Mail schreiben? matthias.heine@welt.de Danke für die freundlichen Kommentare. :)

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