Sonntag, 19. Februar 2012

"Das Spiel ist aus" im Schauspiel Stuttgart

Auch die zweite Stuttgarter Eröffnungspremiere „Das Spiel ist aus“ beginnt mit Texten, die nicht aus dem Stück stammen, dessen Name im Programmheft steht. Erst wird ein Diktum des unvermeidlichen Boris Groys auf die Bühne projiziert (später zitiert man - na klar – auch Źiźek), dann stellt Florian Manteuffel in einer hübschen Kabarettnummer als „Jean-Paul Sartre“ die Philosophie des Existenzialismus dar, schließlich hört man Arbeiter, die sich auf einen Aufstand vorbereiten, Marx‘ kommunistisches Manifest rezitieren. Es dauert eine knappe halbe Stunde, bis man das erste Wort aus Sartres Text hört.

Dieser ist eigentlich ein Drehbuch. Es geht wie im „Don Karlos“ um den Konflikt zwischen privater Romantik und der Rebellion gegen eine Despotie. In Paris, das von einem faschistischen Regenten“ (der redet wie Camus‘ „Caligula“) beherrscht wird, werden eine Bürgersfrau (Nadja Stübiger) und ein Arbeiterführer (Till Wonka) ermordet. Im Reich der Toten verlieben sie sich, dürfen auf die Welt zurückkehren, weil ihr Tod ein Fehler der Jenseitsbürokratie war. Doch statt ihre Liebe zu leben, verfolgen sie sofort wieder ihre politischen und moralischen Ziele.

Die dekonstruierend kalauernde Inszenierung von Sebastian Baumgarten ist ganz offensichtlich als ästhetisches Kontrastprogramm zu Webers bravem „Don Karlos“ gedacht. Doch es gibt Ähnlichkeiten. Auch hier ein Kostümproblem: Die Schauspieler kämpfen mit einem Fummel, der aussieht wie sich Klein-Provinzfritzchen das Outfit für eine Fetischparty im Berliner Berghain vorstellt - kurze Lederhöschen, silberne Plastikklamotten, Pelze, Naziuniformen. Wonka mus auch noch eine prollige Langhaarperücke tragen. Nur die Toten sind durch einen nostalgischen Harlekinslook kenntlich gemacht. Man hat’s in Stuttgart derzeit mit Clowns.

Gespielt wird volksbühnig. Man tobt, kaspert, stolpert, verspritzt viele Flüssigkeiten und sucht immer den kürzesten Weg zum Klamauk. Der Zuschauer wird manchmal genervt, aber in zwei Stunden nie gelangweilt. Baumgartens Inszenierung wirkt schlau, auch da, wo man seinen dazugegebenen Regiesenf nicht mehr goutieren mag. Vielleicht, wie oft bei diesem Spielleiter, ein bisschen überschlau. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn man nicht das Gefühl hätte, der Aufwand diente nur dazu, sich die großen Fragen des Textes vom Leibe zu halten, statt sie zu beantworten.

Aber vielleicht ist das ungerecht. Zwar wird am Schluss die Sartresche Behauptung, der Mensch sei frei, als verquaster Quatsch abgetan. Doch da dieses Urteil ausgerechnet vom widerlichen Verräter Derjeu gesprochen wird, ist Revision erlaubt. In Stuttgart zögert man noch, der Freiheit den Totenschein auszustellen. Die Verdammten dieser Erde dürfen aufatmen.

Die Welt

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