Montag, 27. Februar 2012

"Der Kirschgarten" im Deutschen Theater

Ist Deutschland der Lopachin Europas? Ein reicher Trampel, der den ganzen hochverschuldeten, aber wunderbar pittoresken Existenzen um ihn herum seine eigenen Erfolgsrezepte aufzwingen will – nicht wahrhaben wollend, dass Effizienz manchmal der Tod der Schönheit ist? Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ handelt von einer Gesellschaft, die lange über ihre Verhältnisse gelebt hat und für die nun der Zahltag näher rückt. An den Berliner Theatern hält man dieses Sittenbild des russischen Landlebens vor der Revolution offenbar für das Stück zur Stunde. Vier Inszenierungen hat es innerhalb eines Jahres in der Hauptstadt gegeben: in der Volksbühne, in den Sophiensälen, im Berliner Ensemble und jetzt endlich auch in der Schmuckvitrine der Metropolenkultur, dem Deutschen Theater.

Hier ist die Hauptdarstellerin Nina Hoss als melancholisch-liebessüchtige Kirschgarten-Besitzerin Ranjewskaja ziemlich genau halb so alt wie Cornelia Froboess, die das gleiche Stück seit drei Monaten 300 Meter entfernt am Schiffbauerdamm spielt. Das erhöht die erotische Glaubwürdigkeit der Gutsherrin, gleichzeitig vermindert es ihre mütterliche Aura: Selbst in der schönen Scheinwelt des Theaters ist es gewöhnungsbedürftig, wenn Schauspielerinnen eine Frau, die nur ein paar Jahre mehr zählt, mit „Mama“ anreden.

Während Regisseure sich offensichtlich sehr unterschiedliche Frauen als Ranjewskaja vorstellen können, bleibt der bedauernswerte Lopachin immer festgelegt, auf ein und denselben Schauspielertypus. Für einen Kapitalisten, der von bäuerlichen Leibeigenen abstammt, sieht die Besetzungsfantasie fast nur stämmige Typen vor – hier ist es Felix Goeser. Der steht so unter Druck, dass ihm ständig das Blut aus dem Körper schießt. Mal aus der Nase, mal (nachdem ihm eine Flasche übergezogen wurde) aus dem Kopf. Es ist ja auch gerechtfertigt, den neureichen Platzhirsch als Pykniker mit Bluthochdruck zu zeigen. Man würde aber in Zukunft gerne wenigstens einmal erleben, dass dieser hyperaktive, für seine Geschäfte auch ständig herumreisende Geschäftsmann von einem etwas gehetzt frettchenhaften Leptosomen gespielt wird.

Auch die anderen sind hier ständig in Bewegung. Der Regisseur Stephan Kimmig hat Tschechows Ansage, „Der Kirschgarten“ sei eine Komödie, dahingehend ernst genommen, dass er seine Schauspieler wie im Boulevardtheater ständig rein und raus und herum rennen lässt. Das Bühnenbild von Katja Hass besteht eigentlich nur aus den dafür notwendigen hohen russischen Gutshaustüren. Sie sind durchbrochen von aufwendigen Mustern, durch die Licht fällt, man hatte hier vor Zeiten, als das Haus gebaut wurde, einmal Sinn für Schönheit. Aber der ist offenbar längst abhandengekommen - wie das Rezept, Kirschen zu Geld zu machen. Als Lopachin verkündet: „Ich habe den Kirschgarten gekauft“, wirkt nur er selbst erschrocken. Die anderen nehmen es leicht.

Wenn die Rennerei nicht mehr genügt, um den inneren Druck abzulassen, unter dem hier alle Figuren stehen, dann küssen sie sich in anscheinend unmotivierten Übersprungshandlungen: Lopachin packt gleich zu Beginn das Hausmädchen Dunjascha (Kathrin Wichmann), ohne echtes Begehren, einfach nur, um sich abzulenken. Die Erzieherin Charlotta (Angela Meyer) küsst gar den uralten Diener Firs (Helmut Mooshammer).

Kimmigs Inszenierungsziel ist es erkennbar, wieder einmal dem „Kirschgarten“ diese scheinbar typische Tschechow-Melancholie auszutreiben, mit der das Stück vor allem im deutschsprachigen Raum gern zelebriert wird. Aus diesem Grunde hat man sich für die etwas angeraute Übersetzung von Thomas Brasch entschieden. Relativ unaufdringlich ist das Stück an die Gegenwart rangerückt worden: Lopachin trägt Barbourjacke, und als er der Ranjewskaja vorschlägt, den geliebten alten Kirschgarten abzuholzen und parzelliert zu verpachten, hat er nicht mehr Sommerfrischler, sondern Selbstversorger auf der Flucht vor den Lebensmittelpreisen im Sinn.

Ein Innehalten gönnt Kimmig den Figuren nur in gefrorenen Momenten: Gleich zu Beginn steht die Entourage der aus Paris heimgekehrten Gutsherrin einen endlosen Augenblick lang so statisch da, als müsste sie für die langen Belichtungszeiten einer altmodischen Kamera stillhalten. Es gibt später noch Szenen in Zeitlupe. Doch dann stürmt die Zeit, die hier fast alle gerne anhalten würden, gleich gnadenlos weiter.

Auch die Ranjewskaja wirkt hier von Anfang an, als wäre sie in der Heimat nur auf der Durchreise. Sie spricht ja auch, wenn gerade keiner – oder nur das Personal – zuhört, deutlich aus, warum ihre Anhänglichkeit an Kirschgarten und Elternhaus sich in Grenzen halten: In Paris wartet schon wieder der geliebte Taugenichts, in Russland lauert nur die Erinnerung an den ertrunkenen Sohn. Wie sich hier auf dem Grunde einer leichtfertigen Seele die Verzweiflung verbirgt, das lässt Nina Hoss in den stillsten Momenten dieses lauten „Kirschgarten“ spüren.

Diese Trauer, die sie nie verlassen wird, verleiht ihr eine innere Stetigkeit, die den anderen fehlt. Mögen sie auch vordergründig einen Anker haben – Erlösung erhofft man sich hier vor allem von der Arbeit, als hätten sie den protestantischen Moralpredigten Angela Merkels gelauscht – , sie flitzen doch viel zu viel herum, um Beziehungen aufbauen zu können: Die Szene, in der Lopachin es verpasst, Warja (Meike Droste), der Adoptivtochter der Ranjewskaja, einen Heiratsantrag zu machen, gibt den Ton für das Desinteresse der Gutsbewohner an der Liebe vor. Selten hat Student Trofimow (Elias Arens) so glaubwürdig versichert, er und Ranjaweskajas andere Tochter Ana (Natalia Belitski) stünden „über der Liebe“. Selten war die Dreiecksbeziehung zwischen Dunjascha, ihrem Verlobten Jepidochow (Harald Baumgarten) und ihrem Kurzzeitgeliebten Jascha (Thomas Schumacher) so frei von Schmerz und Eifersucht wie hier. Selten wirkte die zu guter Letzt aufkeimende Freundschaft zwischen Trofimow und Lopachin so sehr wie ein Lippenbekenntnis. Sie brauchen sich alle nicht annähernd so dringend wie Ranjewskajas Bruder Gajew (Christoph Franken) sein Essen und seine Bonbons. Sie können sich auch deswegen dauernd küssen, weil das sowieso nichts bedeutet.

Diese nahezu vollständige Abwesenheit von erkennbaren Gefühlsbindungen macht das Drama natürlich nicht interessanter. Zwar langweilt man sich als Zuschauer keine Sekunde, dafür sind sowohl das Tempo als auch das Niveau zu hoch. Aber man schaut dem Treiben doch interessiert gleichgültig zu wie dem Hin und Her von Aquariumsfischen. Der Beweis dafür, dass der „Kirschgarten“ erstens auch als rohe Komödie funktioniert und zweitens ein topaktuelles Stück zur Verfassung der westeuropäischen Gesellschaft ist, wurde auch an diesem Abend nicht erbracht. Wenn das Experiment nicht einmal unter den perfekten Bedingungen des bestbesetzten Theaters Deutschlands funktioniert, sollte man die ihm zu Grunde liegende Hypothese vielleicht einfach verwerfen.

Die Welt

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