Samstag, 18. Februar 2012

"Don Karlos" im Schauspiel Stuttgart

Wenn deutschen Regisseuren zu den Klassikern nichts Substanzielles einfällt, schmuggeln sie gern ein Bröckchen von Heiner Müller in den Dramentext. Die gibt dem Ganzen eine geborgte Tiefe und oberflächliche Modernität. Deshalb ist man zunächst genervt, als Hasko Weber seinen Stuttgarter „Don Karlos“ nicht mit den Worten Friedrich Schillers, sondern mit einem Fragment Müllers aus der „Hamletmaschine“ über den Budapester Aufstand 1956 beginnen lässt. Gesprochen von einem Horrorclown im Rollstuhl, der sich später als der Großinquisitor entpuppt. Es ist dann aber trotz allem eine recht ordentliche Aufführung geworden.

Schillers Stück handelt von einem Konflikt zwischen den Mächten des Despotismus und den Kräften der Menschlichkeit im Spanien von ?. Auf der einen Seite der Herzog von Alba und die Priesterschaft, auf der anderen der Kronprinz Karlos, seine geliebte Stiefmutter, die Königin, und sein Freund Posa. Der Despot selber, König Philipp II. schwankt einen Moment, als ihm Posa eine humanistische Predigt hält. Den berühmten Satz „Sir, geben Sie Gedankenfreiheit“ spricht er hier nur beiläufig.

Von der atemlosen Gehetzheit, die Schillers Verse dem Marquis in die Lunge legen, ist hier ohnehin nichts zu spüren. Marco Albrecht kühlt das Temperament Posas auf niedrige Betriebstemperatur herunter. Allerdings kann man auch kaum glauben, dass dieser Slacker mit dem coolen Hütchen sich als Kriegsheld gegen die Türken bewährt haben soll. Lisa Bitter spielt die Königin mit schönem Ernst und seltener Anmut. Und Jan Krauter als Karlos gelingt das zentrale Kunststück, ohne das keine „Don Karlos“-Aufführung funktioniert: Er macht diese Nervensäge als sympathisch.

Im Grunde genommen inszeniert Hasko Weber wie Claus Peymann es gerne würde – wenn er noch könnte: Halbmodern, ein bisschen aufdringlich „politisch“, schauspielerzentriert und ziemlich textfromm. Er wäre der ideale Nachfolger für Peymann gewesen, wenn dieser überhaupt jemals am Berliner Ensemble aufhören würde. Stattdessen geht er 2013 nach Weimar, um wie Antäus im Kontakt mit der ostdeutschen Heimaterde neue Kraft zu schöpfen. Ein Jahr vor dem endgültigen Abschied in Stuttgart, durfte er nun als Intendant noch das frisch renovierte Schauspielhaus einweihen. Nach eineinhalbjähriger Bauzeit ist es allerdings unfertig: Das Publikum sitzt auf provisorischem Plastikgestühl, die Technik funktioniert noch nicht einwandfrei.

Es hakt ganz offensichtlich auch bei der Geschmackskontrolle. Die Kostüme hängen an den Schauspielern wie Gewichte, die sie auf dem Boden einer gegenwärtigen Trashigkeit halten sollen: Sebastian Kowski, der von seiner Statur und Frisur her ohnehin mehr für die Rolle eines Wikingers oder Baggerführers geeignet ist, muss als König manchmal in Latschen und Schlafanzughose herumlaufen, als wolle er gleich in Dittsches Imbiss schlurfen, um sich vom tagsüber gesammelten Flaschenpfand noch ein Einschlafbier zu leisten. So einen Penner möchte man eigentlich weder zum König noch Vater. Umso höher ist zu bewerten, dass Kowski der Figur tatsächlich etwas Würde gibt.

Christian Schmidt als des Königs Beichtvater Domingo sieht dank seiner übergroßen Terry-Richardson-Brille, seines Dreitagebarts und seiner Glitzersoutane aus wie ein Pornopriester, von dem man immer befürchten muss, dass er gleich die Kutte hebt, um mechanisch loszurammeln. Dieser dominikanische Gotteshund kennt sich gewiss auch mit Doggy Style aus. Wenn die Figuren mal „zeremoniell“ gekleidet sind, erhebt sich die kostümbildnerische Fantasie selten über das, was man sonst höchstens noch bei einer Premiere im Berliner Friedrichstadtpalast sieht: bestickte Westen, rote Anzüge usw.

Die Brücke vom barocken Spanien zur Gegenwart schlagen Bilder vom arabischen Aufstand, die auf das von zwei riesigen Kalaschnikows gerahmte Bühnenbild von Thilo Reuther projiziert werden. Eine höchst problematische Analogie, denn in Schillers Weltbild war nicht vorgesehen, dass das vom Despoten befreite Volk sich für einen neuen selbstgewählten religiösen Despotismus entscheiden würde – wie in Tunesien und Ägypten geschehen. Etwas Ähnliches war in Spanien zwar auch vorgekommen – aber eben doch zwei Jahrhunderte nach den Ereignissen, die in „Don Karlos“ verhandelt werden, als das Volk einen Guerillakrieg gegen die Franzosen und einheimische Liberale führte.

Schiller hat solche Anachronismen vermieden. Zwar ist sein Posa eine zu früh gekommener Aufklärer. Doch er lässt ihn konsequenterweise verlieren. Deshalb ist es auch höchst problematisch, dass hier die Nachricht, das Volk von Madrid sei in Aufruhr, um den Infant Carlos aus der Haft zu befreien, vom Anfang des fünften Aktes ganz an den Schluss des Stückes gerückt wird. Als könnte es doch noch Rettung geben. Bei Schiller ist eigentlich jeder Ausweg aus der Despotie versperrt. Die Zeit des Großinquisitors – das wusste er - war noch lange nicht abgelaufen. 

Die Welt

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