Samstag, 25. Februar 2012

"Gefährliche Liebschaften" im Deutschen Theater

Alfred Brehm war ein großer Psychologe, dem kein dunkler Abgrund einer Tierseele verborgen blieb. Auch der Hase konnte ihm nichts vormachen: "Im Allgemeinen entsprechen die Hasen nicht dem Bilde, welches man sich von ihnen macht. Man nennt sie gutmütig, friedlich, harmlos und feig; sie beweisen aber, dass sie von alledem auch das Gegenteil sein können. Genaue Beobachter wollen von Gutmütigkeit nichts wissen, sondern nennen die Hasen geradezu boshaft und unfriedlich im höchsten Grade." Der Hase ist nach Brehm in Wirklichkeit also genauso fies wie die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont, diese beiden erotischen Erzintriganten in Choderlos de Laclos' Briefroman "Gefährliche Liebschaften" aus dem Jahre 1782.

Mit großer interpretatorischer Hellsichtigkeit reißt deshalb Karin Henkel bei ihrer Theaterinszenierung von "Gefährliche Liebschaften" den zwei Adeligen die Menschenmaske vom Gesicht und lässt deren grausame Häschennatur zum Vorschein kommen. Zu Beginn der Aufführung, mit der das Deutsche Theater in Berlin nach seiner Renovierung wieder eröffnet wurde, kommen die Schauspieler Constanze Becker und Wolfram Koch im Ganzkörperhasenkostüm auf die Bühne. Sie reden im Niedlichkeitsjargon der Häschenwitze ("Hattu?" "Muttu!"). Erst als sie sich ahnungslos spielerisch die vom Himmel gefallen menschlichen Geschlechtsteile anheften, werden sie böse und geil, als hätten dieser Hasenadam und diese Haseneva an der Mohrrübe der Erkenntnis genagt.

Was für eine schonungslos in den unterirdischen Gängen der Hasennatur gründelnde Auslegung des Stückes! Denn schließlich leben diese beiden Adeligen in der höfischen Welt des Ancien Régimes nach der Devise: "Mein Name ist Hase – ich weiß nichts von der Revolution, die mir und meinesgleichen bald den Kopf abschlagen wird." Und ist nicht die sexuelle Ausbildung, die Valmont der blutjungen Cécile (Angelika Richter) angedeihen lässt eine wahre Häschenschule? Schließlich gilt doch der Hase als echter Meister in der Kunst des Rammelns! Auch auf die Biografie der Regisseurin Karin Henkel wird mit den Nagetieren gleichsam zeichenhaft verwiesen – hat sie doch 1993 ihre Laufbahn mit einer Inszenierung des Stückes "Hase Hase" (!) begonnen. Außerdem beschert Henkel dem Theater noch eine revolutionäre Marketingstrategie: Bisher kannte man auf der Bühne ja nur das ewige Weihnachtsmärchen. Mit "Gefährliche Liebschaften" ist nun auch das Ostermärchen eingeführt.

Man fragt sich nur, wieso die tiefwühlende Dramaturgie (gleich zwei Bunnies vom dramaturgischen Fach waren im Einsatz, um die zentnerschweren Ideen-Eier der Aufführung hin und her zu wälzen), nicht auch noch Hermann Löns herbeizitiert haben, um zu untermauern wie sehr die Grausamkeit des Patriarchats an der Gleichberechtigung der Geschlechter genagt hat. Aber immerhin ist wenigstens der obligatorische Baudrillard, der Hugh Hefner des Poststrukturalismus, mit einem seiner ewig wiedergemümmelten Dutzendaphorismen im Programmheft vertreten Dafür gibt es ein Fleißhäschen im Dramaturgiezeugnis!

Ursprünglich sollte ja allein die Stückfassung gespielt werden, die Christopher Hampton von de Laclos' Roman schuf. Sie war 1988 die Grundlage für Stephen Frears' Hollywood-Verfilmung. Doch der naive Brite glaubte tatsächlich, die Merteuil und Valmont wären nur französische Adelige! Deren Hasizität war ihm völlig entgangen. Klarer sah das Heiner Mümmler, der seine "Quartett" genannte Bühnenfassung des Stoffes in einem "Bunker nach dem Dritten Weltkrieg" spielen lässt. Damit ist selbstverständlich ein Hasenbau gemeint, in den sich die Merteuil und Valmont zurückgezogen haben, während oben eine blutige Treibjagd wütet. Deshalb wurde Hamptons Text nun mit "Quartett" verschnitten.

Inszenierung und Ausstattung halten mühelos das Niveau der Textauslegung. Man sieht vieles, was man im Theater der letzten Jahre doch allzu lange entbehrt hatte: Beispielsweise Schauspieler, die ihre Texte in Mikrofone hauchen. Kostüme, die aus jedem Altkleidercontainer in Berlin-Mitte stammen könnten. Oder einen Bubi mit Ponyfrisur, der das Geschehen am Bühnenrand Gitarre spielend begleitet. Dazu Neonröhren – die natürlich eine Anspielung auf "Meister Lampe" sind – in einem schwarzen Bühnenbild Und endlich, endlich gibt es mal wieder Darsteller, die ihre Texte hinter Tischen sitzend vom Blatt rezitieren, als wären sie bei der allerersten Leseprobe.

Nur Wolfram Koch als Valmont und Meike Droste als Madame Tourvel störten mit ihrem oft allzu menschlichen Spiel den überwältigend langohrigen Gesamteindruck der Inszenierung, während Constanze Becker ihrer Merteuil sehr überzeugend die aggressive Aura einer fauchenden Feldhäsin verleiht.


Die Welt

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