Freitag, 27. Januar 2012

"Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen..." im Nationaltheater Mannheim

Dass die Marcantonios keine ganz normale amerikanische Familie sind, merkt man schon daran, dass sie ständig vom Theater reden. Der  Immobilienmakler Adam kommt sogar durch eine "Kirschgarten"-Aufführung auf die Idee, das Anwesen der Marcantonios zu kaufen. Die Familienmitglieder starren ihn, den angeheirateten und wieder geschiedenen Außenseiter verdutzt an - dass er das Zeug zum Lopachin haben würde, hatten sie nicht geahnt.

Tony Kushners neues Stück "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift", das jetzt in Mannheim erstmals auf Deutsch gespielt wurde, verdankt dem Vorbild Tschechow noch weitaus mehr. Auch hier wird - wie im "Kirschgarten" - das Ende einer anachronistischen Familie mit Sympathie für die Verschwindenden zelebriert. Allerdings standen die Marcantonios seit Generationen auf der anderen Seite der Klassenkampffront. Sie zählen zu denjenigen, die Tschechows Gutsbesitzer eliminiert haben. Vater Gus ist 2007 gehört gleich vier aussterbenden Spezies an: Er ist Kommunist, Gewerkschafter und Hafenarbeiter. Und im Alter ist er auch Lateinliebhaber geworden und hat begonnen, die Episteln des Horaz zu übersetzen.

Tony Kushner gilt als einer der wichtigsten lebenden amerikanischen Dramatiker. Der Ruf beruht allerdings vor allem auf einem Stück: „Engel in Amerika“ einer schwulen Fantasie über die Reagan-Ära. Spätere Stücke waren nicht ganz so erfolgreich. Für Kushner kein Drama. Er schrieb auch die Drehbücher zu Steven Spielbergs Filmen „München“ und „Lincoln“.

Nicht nur Kushner möchte mit „Ratgeber“ frühere Erfolge wiederholen. Das Nationaltheater Mannheim will damit so triumphieren, wie mit einem anderen amerikanischen Stück: Tracy Letts‘ „Eine Familie“ hatte hier 2008 seine deutschsprachige Erstaufführung und wurde dann so oft nachgespielt als wär’s von Yasmina Reza. Regie führt auch diesmal wieder Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski.

Die Hoffnung ist groß, die Chancen gering. Denn am Premierentag war deutlich spürbar, dass Homosexualität, Kommunismus und Religion nicht gerade zu den Themen gehören, die einem deutschen Bildungsbürgerpublikum auf den Nägeln brennen. Andererseits schafft Theater es ja im besten Falle, dass Zuschauer sich sogar für die Probleme englischer Adeliger aus den Rosenkriegen oder schlesischer Weber interessieren, wenn man ihnen nur glaubhaft macht, dass hinter den historischen Masken allgemeinmenschliche Probleme verhandelt werden. Den Mannheimer Schauspielern gelingt dieses Kunststück oft.

Edgar M. Böhlke, der mit seinen buschigen Augenbrauen übrigens stark an Ernst Schumacher, den wichtigsten Theaterkritiker der DDR, erinnert, zeigt Gus als Widerling mit beginnenden Selbstzweifeln. Sein größter Streiktriumph, die Einführung eines Jahresmindestlohns, hat viele Kollegen arbeitslos gemacht. Sein Sohn Vinnie (Tim Egloff), ein selbständiger Handwerker, macht ihn und seinesgleichen für den Niedergang der amerikanischen Industrie verantwortlich.

Gus andere Kinder haben beide Theologen als Lebenspartner gewählt, als wollten sie dem atheistischen Alten eins auswischen. Der Lehrer Pill (Klaus Rodewald) und die Anwältin Empty (Irene Kugler) sind obendrein auch sexuell ins Feindeslager gewechselt, indem sie schwul und lesbisch wurden. Pill erinnert den Alten an dessen rot-spießige Reaktion auf sein Coming Out: „Du, du hast mir gesagt, Homosexualität sei ein typisches Symptom für bürgerliche Verderbnis, für Faschismus. Ich war fünfzehn, und du hast zu mir gesagt, das wäre wie Ernst Röhm…“

Vor allem Empty sitzt so kompliziert zwischen allen Stühlen, dass es einen weniger handfesten Charakter als sie längst in den Wahnsinn getrieben hätte. Sie wollte nicht Ärztin werden, weil Ärzte auch Ausbeuter sind. Und dann ist sie doch von der Krankenschwester zur Juristin aufgestiegen. Sie schläft mit ihrem Ex-Mann Adam (Jacques Malan). Und sie stöhnt über die Schwangerschaft ihrer Freundin Maeve (Ragna Pitoll): „Es gibt keinen Menschen auf der ganzen Welt, der sich weniger ein Baby wünscht als ich.“ Noch kompliziert wird es, als herauskommt, dass Maeve sich die Samenspende von Vinnie nicht per Kanüle verabreicht hat, sondern sie auf die traditionelle Methode empfing.

In solchen Momenten streift Kushner Stück, das ursprünglich ein Roman werden sollte und an dem er zehn Jahre gearbeitet hat, angenehm die Grenze zum Boulevard. Mag der Autor in Amerika als Avantgardist gelten, Europäer erkennen den Handwerker angelsächsischer Prägung.

Der Titel ist übrigens eine Anspielung das Buch „Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ von Mary Baker Eddy. Es hat Gus‘ Schwester Clio tief beeindruckt. Diese Clio ist die einzige Figur, der Kushner ein Geheimnis lässt. Sie wollte Nonne werden und schloss sich dann aber lieber der maoistischen Guerilla in Peru an – leuchtender Pfad statt Erleuchtung. Man kann nur ahnen, wie viel Blutschuld sie dort auf sich geladen hat. Als sie das verkaufte Elternhaus verlässt, nimmt sie nur ein Bild der Muttergottes mit. Clios zweiter Vorname ist Annunziata – nach dem Tag, an dem der Erzengel Gabriel Maria die Geburt ihres Kindes Jesus ankündigt. Gus richtiger Name ist Augusto – wie Augustus der kaiserliche Förderer des Horaz. Beide sind offenbar trotz lebenslanger Kämpfe der 2000jährigen Geschichte ihres Namens nicht entkommen.

Die Welt

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