Dienstag, 6. März 2012

"Die Räuber" im Schauspiel Bochum

Die Räuberkarriere des Karl Moor beginnt mit einem Fluch gegen sein „tintenklecksendes Säkulum“. Gemeint ist ein Jahrhundert, das keine Helden mehr hervorbringt, sondern nur noch Fußnoten zu den großen Taten der Vergangenheit schmiert. Karl Moor hatte Plutarchs Lebensbeschreibungen großer Griechen und Römer gelesen, und damit verglichen schien ihm seine eigene Zeit blass und kraftlos. Moor war zu diesem Zeitpunkt nicht der einzige, der sich am Plutarch berauschte. Ihn las, gerade als Friedrich Schiller sein 1782 uraufgeführtes Drama „Die Räuber“ schrieb, auch ein Zwölfjähriger namens Napoleone Buonaparte, wenn ihm die Militärschule in Burgund dazu Zeit ließ. Später sollte er die Annahme, es gebe keine großen Männer mehr, recht eindrucksvoll widerlegen.

Im Schauspielhaus Bochum, das unter seinem Intendanten Anselm Weber wieder das wichtigste Theater Nordrhein-Westfalens werden will, sind Schillers Räuber nun in der Gegenwart unseres bloß noch tätowiertintenklecksenden Säkulums angekommen. Die Bande, die Karl Moor (Felix Rech) in den böhmischen Wäldern um sich schart, trägt einheitlich Lederhose, Postpunk-Frisur und stellt nackte Oberkörper zur Schau, die so eng und heftig bekritzelt sind wie Dramenmanuskripte in der Epoche, als Papier noch wertvoll war . Manche haben auch noch Fellaccesoires oder Kettenhauben. Sie sehen aus wie eine Mittelalterrockband aus Ostdeutschland.

Mag dies bei einer Gang wilder Kerle noch Sinn haben, so bleibt doch der Grund, warum Karls brave, fromme und treue Verlobte Amalia von Edelreich (Kristina Peters) nun als Nachtschattengewächs aus der Gothic-Szene mit Fledermauskajalaugen auftreten muss, ewig ein Geheimnis der Kostümbildnerin Justyna Lagowska und des jungen polnischen Regisseurs Jan Klata. Letzter gilt in seiner Heimat als großes Talent. Man konnte sich im Foyer des Eindrucks nicht erwehren, die gesamte dortige Theaterszene sei zur Premiere angereist.

Aus Schillers genial-geschwätzigem Jugendstück macht Klata eine Rockrevue mit viel Musikeinsprengseln, Videoprojektionen, in denen u. a. einmal das gesamte Ensemble mit Kopfschüssen abgeknallt wird. Das Zentrum des Bühnenbilds bilden Neonröhren, an die sich die Räuber immer mal wieder lasziv schmiegen – wie Tabledancerinnen an ihre Tischstange. Gekürzt auf zweieinhalb Stunden rauscht das laut und grell vorbei. Man erlebt wieder einmal das ewige Paradox des deutschen Theaters: Je mehr geschrien wird, desto weniger versteht man. Mit Schillers elektrisch aufgeladener Sprache, dem wohl wichtigsten Grund, warum man diesen großartigen Schmarrn heute noch spielen müsste, kann Klata offenbar nichts anfangen.

Stattdessen nimmt er das Stück nur zum Anlass für – Verzeihung! – Kostümgewichse: Am schlimmsten trifft der textile Fluch den bedauernswerten Andreas Grothgar als Vater Moor: Meist muss er in einer Art Rüschenrock herumlaufen und hat auf dem Rücken ein Brett voller langer Stacheln geschnallt, die vermutlich die schmerzhaften Pfeile des Schicksals symbolisieren sollen. Scheintot wird er dann auch noch in eine große Plastikfolie eingewickelt.

In dieser nicht nur wegen der Neonröhren und der Gothic-Anklänge extrem Achtzigerjahre-mäßig wirkenden Rocky Horror Schiller Show ist Karls böser Bruder Franz Moor schon rein bekleidungstechnisch ein Außenseiter: Dass er ein „Alltagsmensch“ ist – im Gegensatz zu allen anderen, die sich als Feiertagszombies kostümiert haben –, erkennt man schon gleich daran, dass er als einziger einen Anzug trägt. Florian Lange spielt ihn als fülligen Psycho der Stimmen hört – es ist seine eigene vom Tonband vervielfältigt. Sie treibt ihn in seinem wahnhaften Tun voran: Er intrigiert Karl und den Vater auseinander, will Amalie zur Mätressenschaft zwingen und begräbt den Alten schließlich lebendig.

Die Energie der Schauspieler macht den Abend erträglich. Aber um ihn lohnend zu machen, müsste sie irgendeinen Aspekt des Stückes erkenntnisbringend beleuchten. Das einzige, was hier beim Schlussapplaus ans Licht kommt, ist, dass Regisseur und Kostümbildnerin privat den gleichen gruftigen Look bevorzugen, wie sie ihn den Akteuren angeschneidert haben. Damit könnten sie in Bochum Gleichgesinnte finden: Gut die Hälfe der jungen Leuten, die am nächsten Morgen aus den letzten Zuckungen des Bochumer Nachtlebens in den Bahnhof geschwemmt wurden, lief genauso herum.
Die Welt

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