Donnerstag, 1. März 2012

"Märtyrer" an der Schaubühne

Es ist, als säße der wiedergeborene Klaus Kinski in seiner Paraderolle als „Aguirre, der Zorn Gottes“ plötzlich mit am Küchentisch: Gerade hat Benjamin Südel noch wie ein ganz normaler Teenager schweigend seine Mutter (Judith Engel) ignoriert und seine Gitarre gequält, da mutiert er plötzlich angesichts von deren psychosozialem Verständnisgesülze zum christlichen Eiferer. Er gehe nicht mehr zum Schwimm8unterricht, weil das seine religiösen Gefühle verletze, offenbart er der Frau Mama, die bis jetzt noch gar nicht wusste, dass er solche Gefühle hatte. Und dann ergeht er sich in einer ebenso angewiderten wie pornografisch ausmalenden Beschreibung der Privatzonen seiner Schulkameradinnen.

Marius von Mayenburgs Stück „Märtyrer“, dessen Uraufführung der Autor selbst an der Berliner Schaubühne inszenierte, handelt vom Coming-out eines jungen Fanatikers. Benjamin steckt in einer pubertären Krise – da sind sich die Lehrkräfte einig. Früher wäre so einer Maoist geworden, in Ostdeutschland wahrscheinlich Nazi, andere unterwerfen sich dem Islam und mutieren vom Kevin zum Kelim.

Solche Beispiele wären einem schlechteren Autor als Mayenburg vermutlich zum Stichwort „Märtyrer“ eingefallen. Sein Benjamin, den Bernardo Arias Porras angemessen dürr verkörpert, entscheidet sich für die hierzulande erprobte Variante des Fanatismus: den christlichen Prophetenwahn. Er geht den üblichen Weg aller religiösen Eiferer: Erst glaubt er, dass er Gott versteht. Dann glaubt er, er wäre selber Gott. Mayenburg illustriert das sehr schön, indem er die Bibelstellen, mit denen Benjamin seine Gegenüber traktiert, vom alttestamentarischen Gesetzeston zu sehr persönlichen Jesus-Zitaten aus dem Neuen Testament wechseln lässt: Er meint sich selbst, wenn in diesen Evangelienversen von „Ich“ die Rede ist. Zwischen Jesus und sich unterscheidet er nicht mehr.

Seine Gegenspielerin ist die junge Biologielehrerin Erika Roth (Eva Meckbach). Sie begreift den Kampf mit Benjamin, der nach und nach die ganze Schule seinem Diktat zu unterwerfen scheint, zunehmend als existenzielle Aufgabe. Vor allem, als Benjamin ihr vermeintliches Judentum für ihren Widerstand verantwortlich macht. Obwohl Frau Roth als sympathische Figur gezeichnet wird, zeigt Mayenburg auch, wie der Fanatismus Benjamins auf sie abfärbt. Sie studiert die Bibel, um ihn mit eigenen Waffen zu schlagen – und erliegt den typischen modernen Irrtümern von Menschen, die etwas in den Text hineinfantasieren. Jesus sei schwul gewesen, erklärt sie ihrem Partner, dem Sportlehrer.

Auch Benjamin hat so einen Lieblingsjünger – es ist sogar sein einziger: der behinderte Georg (Moritz Gottwald), dessen zu kurzes Bein er wunderheilen will und der für ihn Frau Roth umbringen soll. Denn Benjamin ist ein bequemer Märtyrer: Er möchte doch lieber andere opfern als sich selbst.

Das Gute an dem Stück ist, dass Mayenburg Benjamins Wüten nicht nur aus der Psyche erklärt. Es bleibt ein Rest Rätsel. Er ist ein Erbe der vielen jungen Uneinverstandenen, die immer durch des Dichters Stücke geistern – beginnend mit dem Titelhelden seines frühen Erfolges „Feuergesicht“.

Zwischen Frau Roth und Benjamin stehen die Lauen, die entweder an gar nichts glauben oder sich Gott als einen gemütlichen alles verzeihenden Hippie zurechtgemacht haben: die Mutter, der Pfarrer und vor allem – als Verkörperung des Prinzips, das diese Gesellschaft zusammenhält – der Schuldirektor, der sogar die unvereinbarsten Widersprüche im Palaver vereinbaren möchte. Aus Bequemlichkeit. Nicht aus Toleranz. Immer wenn sich diese Figuren allzu sehr dem Klischee nähern, findet Mayenburg einen überraschenden Dreh, der den Zuschauer neu bannt. „Märtyrer“ ist sein bestes Stück seit Langem. Das will etwas heißen, bei einem Autor, dessen Rang als bester deutscher Dramatiker (neben dem ganz anders gestrickten Pollesch) längst keiner mehr bestreitet.

Die Welt

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