Donnerstag, 29. März 2012

"Murmel Murmel" in der Volksbühne

Man darf das getrost ein theaterhistorisches Ereignis nennen: Zum ersten Mal in der bald 20 Jahre währenden Intendanz von Frank Castorf an der Volksbühne wird ein Drama vollständig ohne Striche, Umstellungen und eingefügte Fremdtexte aufgeführt. Das Flehen des vorvorletzten Bundespräsidenten Horst Köhler, die Theater sollten doch bitte wieder die "ganzen" Klassiker spielen, ist ausgerechnet am Schlachtschiff des Dekonstruktionstheaters erhört worden. Und siehe da: Es wurde ein Triumph!

Knapp eineinhalb Stunden lässt der Regisseur Herbert Fritsch seine elf Schauspieler (darunter Anne Ratte-Polle und Wolfram Koch) überaus texttreu "Murmel Murmel" des Künstlers und konkreten Poeten Dieter Roth darbieten. Das besteht allerdings nur aus einem einzigen Wort - "Murmel" - das endlos wiederholt wird. Gemessen am eigenen Ehrgeiz, "das langweiligste Theaterstück der Welt" zu schaffen, ist Roth, das muss man nun sagen, komplett gescheitert. Es ist genau umgekehrt, wie sonst bei so vielen Theateraufführungen: Nach einer guten halben Stunden schaut man das erste Mal auf die Uhr und wundert sich darüber, dass man immer noch nicht gähnt. Und angeödet ist man auch ganz zum Schluss kein bisschen. Höchstens ein wenig genervt von Fritschs allzu ausufernder szenischer Fantasie und davon, dass er den Schlussapplaus wieder als endlose Choreographie inszenieren musste - statt die Leute im Theater einfach ganz natürlich so hemmungslos, lang und laut applaudieren zu lassen, wie sie das ganz offensichtlich wollten.

Das Wunder liegt zum Teil gerade darin begründet, dass es keine Handlung und keinen elaborierten Text gibt. Deshalb kann man auch nichts Entscheidendes verpassen, wenn die Schauspieler mal nicht so deutlich sprechen. Man kann sich voll und ganz darauf konzentrieren, wie sie spielen.

Die Darsteller, die die erste Stunde im Frühsechzigerjahrelook mit Hochsteckfrisuren in der Art der Popgruppe "The B52s" und schmalschlipsigen schmal geschnittenen Hut-Anzugkombinationen im Stile von "Mad Men" auftreten, zeigen einen ganzen Katalog der dramatischen Spielweisen: Mal sind sie eine Gruppe, die einem Guru, der immer nur die Worte "Murmel Murmel" wiederholt, ekstatisch huldigt, mal sind sie Sänger, die zu einem Soulfunk-Beat brünftig "Murmel" schreien - so wie einst der Pate des Soul James Brown sein "So good!" bei "I feel good" röhrte.

Fritsch hatte ja im Vorabinterview angekündigt:: "Die Gefahr besteht, dass man Szenen baut, wo gar keine sind, und sich bei den Zuschauern dafür entschuldigt, dass man jetzt ,Murmel Murmel' macht." Diese Vorgehensweise hatte Roth bei Werner Düggelin kritisiert, der das Stück in den Achtzigerjahren uraufführte. Fritsch macht nun doch genau das gleiche, nur anders. Die Schauspieler haben sogar so etwas wie Züge von Persönlichkeiten, die ihnen die ganzen knapp 90 Minuten erhalten bleiben: Die zickige Diva, der ewig zu kurz kommende Mauerblümchendarsteller, der kleine Dicke mit der großen Ausstrahlung usw.

Und die Balletttänzer, mit denen Düggelin einst die Uraufführung zur großen Oper aufblies, sind auch wieder da. Nur mit der unausgesprochenen Ausrede, dass es diesmal natürlich eine Parodie ist. Gegen Ende legt das Ensemble seine Don Draper/Peggy Olsen-Kostüme ab und steigt erst in Tutus, dann in verschiedenfarbige Strampelanzüge, die man aus dem ganz alten modernen Tanztheater kennt. Man darf ihnen als Schattenrisse hinter der durchsichtigen Bühnenrückwand dabei zusehen, wie sie sich von den Ankleiderinnen beim Umziehen helfen lassen. Zu diesem neuen Look tragen sie dann weiße neutrale Theatermasken, die auch in der klassischen Moderne ca. 1955 mal aufregend neu waren. Dann beweisen sie, dass man "Murmel Murmel" auch mit dem ganz großen Pathos aus vergangenen Zeiten deklamieren kann.

Ein nicht zu unterschätzender Mitspieler ist übrigens das Bühnenbild. Es besteht aus Wänden, die zunächst aussehen wie ein abstraktes Farbflächengemälde. Doch deren Beweglichkeit kennt schier keine Grenzen. Sie können sich zusammenziehen wie eine Iris, heben, senken, hin und her fahren. Zusammen mit der omnipräsenten, flexiblen und groovenden Musik des Percussionisten Ingo Günther geben die Wände den Rhythmus vor, vor dessen Hintergrund die Schauspieler ihre präzisen, körperlich virtuosen Miniaturen spielen.

Fritsch, der doch erst seit fünf Jahren inszeniert, zeigt dabei eine Reife und Vielfalt des Regisseurshandwerks, die geradezu atemberaubend ist. Das Ergebnis kann als einfach nur albern betrachtet werden, man kann es aber auch als triumphalen Fanfarenstoß einer alten hochblühenden Theaterkultur verstehen, die beweist, dass sie auch aus einem Nichts hohe Kunst machen kann. Jetzt muss Frisch ganz dringend die späten Beckett-Stücke wie "Atem"  inszenieren, denn dies sind wahrscheinlich die einzigen Texte der Weltliteratur, die beim Lesen noch langweiliger wirken, als "Murmel Murmel". Wie in der Volksbühne bewiesen wurde, sind das erstklassige Voraussetzungen für einen turbokomisch-amüsanten Theaterabend.

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