Sonntag, 25. März 2012

"Richard III." im Düsseldorfer Schauspielhaus

Luft! Ein Königreich für Luft. Shakespeares königliches Monster Richard III. wird in Düsseldorf am Ende kollektiv erwürgt. Nacheinander darf jedes verbliebene Mitglied des englischen Hochadels dem am Boden liegenden Tyrannen an den Hals gehen. Sogar seine eigene Mutter drückt mit – eine andere umgekehrte Presswehe, mit der sie die Geburt des „Ebers“ (so sein Wappentier) ungeschehen macht. Und weil die Schauspieler hier im Laufe der Aufführung meist mehrere Rollen gespielt haben, sieht man auch manche mitwürgen, die Richard zuvor auf ähnliche Weise ins Jenseits befördern ließ. Es ist die Mutter aller Würgeszenen am Ende eines langen Abends, an dem viel darstellerische Energie darauf verwendet wurde, Mitspielern effektvoll an die Gurgel zu gehen und ausdrucksvoll im Todeskampf zu zappeln.

Denn in der Inszenierung des Düsseldorfer Intendanten Staffan Valdemar Holm werden die Opfer von Richards mordreicher Herrschaft nie mit dem Messer oder dem Schwert entleibt, wie es im Buche steht, sondern immer erwürgt. Man spürt geradezu körperlich, was für eine anstrengende und langwierige Arbeit das Morden und auch das Sterben ist.

Manchen Schauspielern, die mehrere Figuren spielen, sieht man gleich mehrfach beim Erwürgtwerden zu. Rollenfach: „jugendliches Würgeopfer“. Man erwartet geradezu, dass im Programmheft – so wie sonst oft der Fechttrainer – ein Spezialist genannt ist, der die Schauspieler lehrte, wie man am eindrucksvollsten in Handarbeit mordet: „Würgecoaching: Kaa, die Riesenschlange.“

Das Würgen ist übrigens absolut nachvollziehbar und einleuchtend. Es ist schließlich die naheliegendste Methode, Menschen von Schreien abzuhalten. Und gebrüllt wird in diesem „Richard III.“ noch mehr als gewürgt. Die Schauspieler, denen man durchaus anmerkt, dass ihnen alternative mimische Mittel zur Verfügung stünden, dürfen Hass, Abscheu, Empörung und Verzweiflung nie anderes artikulieren als mit Schreien. Und wenn man weiß, wie oft in diesem Stück gehasst, verabscheut, empört und verzweifelt wird, dann ahnt man wie viel geschrien wird.

Damit kein Zuschauer den Überblick in diesem Dschungel von Mord und Hochverrat verliert, hat Bühnenbildnerin Bente Lykke Møller freundlicherweise auf die rückwärtige Bühnenwand eine stammbaumartige Übersicht über das Beziehungsgeflecht des englischen Adels zur Zeit der Rosenkriege schreiben lassen, so wie man sie oft in Geschichtsbüchern findet. Der Zuschauer dankt. Diese Stammbaumtafel ist auch eine Todesliste. Die Namen der Ermordeten werden ausgestrichen, wenn sie ihren letzten Japser getan haben. Man sieht weiß auf schwarz, wie Richard dem Thron, auf dem zu Beginn noch sein Bruder Edward sitzt, immer näher rückt.

Diesen Richard spielt Rainer Galke als Narr der Macht, wobei „Narr“ hier keineswegs abwertend gemeint ist, sondern im Sinne der shakespearschen Narren, die hinter ihrem Witz die größte Weisheit verbergen. Galkes Richard verkneift sich keinen zynischen Witz, und er erkennt auch das bizarre Humorpotenzial des Massenschlachtens. Nicht umsonst hat gerade diese blutrünstig komische Seite des Shakespearschen Schaffens später Meister des Absurden wie Ionesco angeregt.

Körperlich ist Richard an diesem Hof (man kriegt den Eindruck, Düsseldorf habe das schlankste Ensemble Deutschlands) schon durch seine Stämmigkeit herausgehoben. Die Behinderung deutet er nur durch seinen gelegentlich hinkenden Gang und einen grotesk hochgezogenen Arm an. Wenn ganz zum Schluss sein Überwinder Richmond (Jonas Anders) die Macht und die Krone erbt, sieht man, bevor es dunkel wird, wie sein Arm sich in eine ähnliche Pose verkrampft, als habe er sich in ein Richard-III.-Alien verwandelt.

Die Darsteller zeigen sich in dezent moderner Alltagseleganz, mit der sie im Düsseldorfer Premierenpublikum leicht underdressed gewesen wären. Sie verlassen nie die Bühne, sondern warten auf Stühlen und treten einfach vor, wenn sie an der Reihe sind. Man kennt solch ein Theater des „leeren Raums“ auch hier am Rhein vom schmerzlich vermissten Jürgen Gosch. Die Selbstverständlichkeit, die Gosch in seinen besten Momenten (es gab wahrlich auch andere) als Regisseur gelang, strebt Holm wohl ebenfalls an. Die Schauspieler sollen ihre Rollen so lässig tragen wie ihre Kostüme, und jene sollen genau wie diese erst auf den zweiten Gedanken als etwas Künstliches erkennbar sein.

Hoch anzurechnen ist der Inszenierung, dass sie trotz der gegenwärtigen Kostüme wenigstens nicht mit irgendwelchen gewaltsamen Analogien und Fremdtexten behelligt. Nur leise gesungene Lieder kommentieren gelegentlich die Handlung. Man ist ja schon dankbar für die Kleinigkeit, dass Richard hier weder Bush noch Putin noch Berlusconi ist, dass die Rosenkriege nicht in Afghanistan und auch nicht an der Börse stattfinden. Aber Dankbarkeit produziert kein Adrenalin. So glänzt Düsseldorf jetzt immerhin mit einer erstaunlichen Paradoxie: Einer blutrünstigen Schlachte-Ballade, die der Zuschauer unbeteiligt durchdämmern könnte, wenn nicht so viel geschrien würde. Das einzige Würgen, das sie beim Publikum auslöst, ist jenes Halzkratzen, das man bekommt, wenn man in der sticken Theaterluft einige Minuten döst.

Die Welt

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