Samstag, 5. Mai 2012

"Gesäubert/Gier/4.48 Psychose" von den Münchner Kammerspielen beim Theatertreffen

Das Berliner Theatertreffen 2012  ist das längste aller Zeiten. Sieht man einmal von 2009 ab, als eine Dauerperformance des Duos Signa gewissermaßen die ganze Zeit ununterbrochen rund um die Uhr lief. Aber diese Performance konnte man auch, wenn man wollte für nur eine Viertelstunde, anschauen. In diesem Jahr muss man, wenn man wirklich alles gesehen haben will, gut 30 Stunden ausharren – ein siebenstündiger "Faust" aus Hamburg und eine zwölfstündiger "John Gabriel Borkman" aus Berlin ziehen das Festival gewaltig in die Länge.

Zwar hatte es auch früher schon solche Mammutinszenierungen gegeben – 1998 ein neunstündiges "Sportstück" von Einar Schleef und Elfriede Jelinek (die längst Aufführung dieses Stückes aller Zeiten, denn im Wiener Burgtheater wachte stets die Gewerkschaft darüber, dass um Mitternacht Schluss war) und 2000 "Schlachten!", eine zwölfstündige Fassung sämtlicher Rosenkriege-Königsdramen von Shakespeare, – aber diesmal häuft es sich doch unübersehbar.

Zwar hatte die Auftaktinszenierung, die das Treffen eröffnete, mit dreieinhalb Stunden noch eine ganz normale Theaterzeit – doch für manche war schon das zu viel: Wer sich während der Sarah-Kane-Trilogie "Gesäubert/Gier/Psychose" von den Münchner Kammerspielen mal im Saal umsah, entdeckte eine Menge Gesichter mit geschlossenen Augen. Neben mir saß eine reizende alte Dame mit tiefschwarz gefärbten Haaren, die bestimmt zwei Drittel der Show verschlief.

Die Grenze zwischen Schlafenden und Wachenden verlief, so weit erkennbar, zwischen den Theaterprofis, die staunend wach blieben, und den eher aus politischen oder gesellschaftlichen Gründen gekommenen Besuchern, die ein bisschen überfordert waren von dem harten Brot, das der Münchner Intendant Johan Simons als Regisseur da aufgebacken hatten. Denn toll und beeindruckend war es schon. Nur eben auch ziemlich düster und anstrengend. Und obendrein war es im Saal des Festspielhauses drückend warm. Sehr willkommen kam kurz vor der Pause, gegen Ende von "Gier", ein künstlicher Sprühregen, der auf die Bühne niederging und von dem ein kühler Hauch ins Parkett geweht wurde.

Von den drei Stücken hat nur "Gesäubert" so etwas wie eine Handlung: In der Klinik des Horrorarztes Tinker (Annette Paulmann), der offenbar nichts anderes kann, als Menschen die Glieder zu amputieren, kämpfen die Insassen um ihre Liebe. Bei Simons wurde daraus ein Kinderspiel, das die Brutalität des Textes noch stärker hervortreten ließ. "Gier" ist ein Quartett von vier mit Buchstaben gekennzeichneten Stimmen – in Simons‘ Inszenierung hat es paradoxerweise trotz des finsteren Inhalts den leichten Ton einer Gesellschaftskomödie.

In "4.48 Psychose", das erst nach dem frühen Tode von Sarah Kane aufgeführt wurde (sie beginn 1999 Selbstmord), verarbeitet die Autorin ihre Erfahrungen in der Psychiatrie, wo man vergeblich versucht hatte, sie von ihren Depressionen zu kurieren. Beim Regisseur Simons wurde das eine Rezitation mit Musik und fantastischen Schauspielern (Sandra Hüller und Thomas Schmauser), eine Art Requiem für die tote Dichterin.

Begonnen hatte es mit dem derzeit in Berlin unvermeidlichen Auftritt eines protestierenden Studenten der Ernst-Busch-Schauspielschule. Im Gegensatz zum Eklat bei Günter Jauch  am Sonntagabend ging alles friedlich zu: Der Festspiel-Intendant Thomas Oberender hatte dem jungen Mann eine Minute Redezeit eingeräumt, bevor er selber das Wort ergriff und eine (an diesem Ort) ungewöhnlich kluge Rede über die Situation des deutschen Theaters hielt. Es gab heftigen Solidaritätsbeifall für den Studenten.

Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) wünschte den Busch-Schülern Erfolg. Die wütenden Diskussionen mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit, dessen SPD/CDU-Koalition die Protestierenden als verantwortlich für die Verzögerung bzw. Absage des Schauspielschulen-Neubaus betrachten, hatten sich bereits vorher draußen abgespielt – da musste drinnen nicht mehr geschrien werden.

Das Theatertreffen begann also mitten im Leben – und doch ging es vor allem um den Tod. Weil die drei Kane-Stücke mit englischen Übertiteln gespielt wurden, fiel besonders auf, wie schlecht sie teilweise übersetzt sind. Nicht nur bei "Gesäubert", das Peter Zadek und seine Frau Elisabeth Plessen übertragen hatten – da erwartet man ja gar nichts anderes als das reine Übersetzungsgrauen. Sondern auch bei "Psychose 4.48", dessen sich immerhin ein hochkarätiger Dichter wie Durs Grünbein angenommen hatte. Von dem Rhythmus und dem Klang, an dem Kane lange feilte, ist im deutschen Text wenig zu spüren.

Und die religiöse Metaphorik der jungen Frau, die in eine sehr fromme Familie geboren worden war, ging ebenfalls an einigen Stellen verloren. Etwa dort, wo es im englischen Texte heißt "proselytemetosanity" – im Deutschen steht dann, jemand solle zur Gesundheit "bewegt" werden, wo "bekehrt" doch wirklich treffender gewesen wäre.

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