Samstag, 1. September 2012

"Ödipus Stadt" im Deutschen Theater

Theben ist Preußen. Aber nicht das Preußen der Aufklärung oder der steinschen Reformen. Sondern ein verknöcherter Machtstaat, wo bestenfalls jeder nach seine Fasson unselig werden kann. Ganz am Ende, nachdem König Kreon aus allen Machtkämpfen als Sieger hervorgegangen ist, als Ödipus (Ulrich Matthes) geblendet und seine Söhne tot sind, als Kreons eigener Spross sich gemeinsam mit Antigone entleibt hat, greift sich der Tyrann den liegen gebliebenen Stock des alten Sehers Teiresias. Nun krümmt er sich vornübergebeugt unter der Last des Hasses und der Verantwortung. Er sieht aus wie der Alte Fritz, der seelisch schon ganz erfroren war im Eishauch des Greisentums und der Einsamkeit. Bei diesem Mann am Stock kommt einem unweigerlich das Wort "machtgestützt" in den Sinn.

Der Mann ist aber kein Mann. Es ist die Schauspielerin Susanne Wolff. Sie ist die wahre Hauptdarstellerin dieses Abends im Deutschen Theater Berlin, der zwar "Ödipus Stadt" heißt, weil der berühmteste Vatermörder und Mutterbeischläfer der Weltliteratur die Tragödie in Gang setzt und weil das klammernde Element der Kampf um die Herrschaft in der Stadt Theben ist.

Aber eigentlich müsste das Stück, das der Regisseur Stephan Kimmig inszenierte, "Kreon" genannt werden, denn dieser Bruder von Ödipus’ Frau und Mutter Iokaste ist der einzige von der ersten bis zur letzten Szene nahezu Daueranwesende. Am Anfang ist er nur ein vernunftgeleiteter Berater des Ödipus. Fast widerwillig ist er am Ende zur Herrschaft gekommen. Die Humanität ist ihm irgendwo auf dem Weg abhandengekommen.

Diesen Kreon kennt man vor allem als Gegenspieler Antigones aus dem nach ihr benannten Sophokles-Drama. Dort wird er in neueren Inszenierungen (beispielsweise in der von David Bösch in Essen) gerne als Technokrat im Anzug gespielt, gerne auch mit doof-modischer Politikerbrille, so eine Art Ronald Pofalla von Theben. Es tut wohl, ihn hier mal wieder als alten Griechen (na gut – als alte Griechin) zu sehen. Und als Tragödiengestalt statt als Witzfigur.

Die Mechanismen der Politik waren in Theben hinter der Epochenkostümierung nicht so viel anders als in Berlin. Man erfährt endlich, wie Kreon zu dem drakonischen Herrscher wurde, der Antigone dafür bestraft, dass sie den im Kampf gegen die Heimatstadt getöteten Bruder begraben hat. Man versteht es zwar dennoch nicht. Aber wer schaut sich schon griechische Tragödien an, um die Handlungsweise der Figuren zu verstehen? Wer als Regisseur oder Zuschauer denkt, Ödipus oder Antigone dächten wie wir, begeht schon Klassikerverrat.

Der Text beruht im Wesentlichen auf den Stücken "Ödipus" und "Antigone" von Sophokles, "Sieben gegen Theben" von Aischylos und "Die Phönizierinnen" von Euripides. Übersetzt hat das neu Georg Schreiner, zu einem einzigen Drama geformt hat es vor allem der Dramaturg und Autor John von Düffel, der in den letzten Jahren mit geschickten Bühnenfassungen der großen Thomas-Mann-Romane zu Deutschlands meistgespieltem Theaterautor geworden ist. Erzählt wird, wie der zum König von Theben gekrönte Ödipus erkennt, dass er selbst es war, der seinen Vater und Vorgänger Laios erschlug. Nachdem er sich aus Verzweiflung geblendet hat, wird sein Sohn Eteokles König. Dessen Bruder Polyneikes zieht man mit einem fremden Heer gegen die Heimat. Nachdem beide im Zweikampf gefallen sind, schlägt die Stunde Kreons.

Das würde, spielte man die Stücke komplett, einen Abend ergeben, der den ganzen Tag verschlingt. Hier ist der Untergang des Hauses Ödipus in sitzfleischfreundlichen zweieinhalb Stunden vollzogen. Naturgemäß kommen dabei manche Figuren etwas zu kurz. Die Antigone der Katrin Wichmann bleibt eine beeindruckende Nebenfigur, obwohl sie Kreon in einem vorletzten Wort den ganzen Hass einer die Väter, den Staatsapparat und die Macht hassenden Jugend entgegenschleudern darf. Auch da erweist sich – genau wie bei Kreon: Wenn man die Figuren nicht aktualisiert, wirken sie viel aktueller. Diese einigermaßen griechisch belassene Antigone steht der Occupy-Jugend wesentlich näher als alle Antigone-Girlies der letzten Jahre.

Etwas mehr Raum bekommt Ödipus, dessen Erkenntnis, Verzweiflung und Selbstverstümmelung im dreiviertelstündigen Schnellvorlauf Ulrich Matthes ohne den geringsten Beeindruckungsverlust darzustellen vermag. Da wird das griechische aristotelische Prinzip, wonach die Tragödie sich möglichst innerhalb eines Sonnenumlaufs abzuspielen habe, auf Sonnenfinsternislänge verdichtet.

Zur zweiten Hauptgestalt wächst der Seher Teiresias, weil auch er in allen drei Stücken präsent ist und jedes Mal einen Umschlag der Handlung in die Katastrophe einleitet, wenn er sein Wissen offenbart. Das tut er meist gezwungenermaßen. Aber wenn er mal freiwillig spricht, dann flucht er den Hass des alten thebanischen Wutbürgers gegen den dekadenten Emporkömmlingsclan des Ödipus heraus. Dieser Teiresias in der knarzig eindrucksvollen Gestalt von Sven Lehmann ist auch eine Rechtfertigung aller Grantler und Online-Trolls: Schlechte Laune ist manchmal die einzige angemessene Antwort auf ein aus den Fugen geratenes Staatswesen.

Die Welt

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