Freitag, 29. März 2013

"Geschichten aus dem Wiener Wald" im Deutschen Theater

Der Wiener Wald liegt seit Stanley Kubrick im All. Jedenfalls kann man „An der schönen blauen Donau“ nicht mehr hören, ohne an das Ballett der Raumstationen in „2001: Odyssee im Weltraum“ zu denken. Sogar dann, wenn Michael Thalheimer die Protagonisten seiner Inszenierung „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Deutschen Theater Berlin erst einmal minutenlang auf der dunklen Bühne sitzen und den Klängen des österreichischen Nationalwalzers lauschen lässt.

Viel frostiger als der Raum zwischen den Figuren des Stückes, kann es da draußen im All auch nicht sein. Und verglichen mit der Leere und Finsternis der lediglich durch einen schwarzen Rundhorizont markierten Bühne wirkte der Himmel über der ihr tröstliches Blau aussendenden Erde bei Kubrick geradezu anheimelnd. Es ist, als hätte Thalheimer mit jener „Donau“-Ouvertüre ein für alle Mal alle Bringschuld an Wiener Kolorit gegenüber dem Publikum begleichen wollen, um die Menschen aus Ödön von Horváths Stück dann umso grausamer durch die Kältekammern seiner Inszenierung zu schicken.

Wenn es sich in der ganz großen Kälte ein bisschen erwärmt, dann fängt es an zu schneien. Das passiert auch, als die junge Marianne (Katrin Wichmann) scheinbar (es geht immer noch weiter bergab) den Moment ihrer tiefsten Demütigung erreicht hat und auf der Kabarettbühne ihre Brust entblößt, nicht wissend, dass ihr Vater, der „Zauberkönig“ genannte Puppenklinikbesitzer (Michael Gerber) im Publikum sitzt. Wie sie da ganz einsam der Fiesheit ihrer Welt als Beute angeboten wird, während minutenlang der Konfettischnee auf sie rieselt – das ist ein großes Theaterbild, das umso stärker wirkt, weil dem Auge vorher lange alle Reize entzogen wurden.

Kein überflüssiges Requisit lenkt hier von der erbärmlichen Tragik des missgeleiteten Strebens nach dem kleinen Glück ab – lediglich ein paar Berufswerkzeuge gibt Thalheimer seinen Gestalten manchmal in die Hand, etwa Messer und Blutwurst für den Schlachtergesellen Havlitschek (Henning Voigt) oder eine Rassel für den Zauberkönig. Die Rassel, mit der sich der alte Mann zum bösen Schluss seinem Enkel nähert, ist aber auch nur Ausweis seiner seelischen Vertrocknung. Von der Aura, die der Name „Zauberkönig“ beschwört, lässt dieses eher zum Totschlag als zum Spiel geeignete Instrument nichts ahnen. Das Pittoreske, das Horvaths Anti-Volksstück ja auch transportiert, ist hier komplett ausgetrieben – solche Späne fallen, wenn Thalheimer sich den Text zur schmalen Zwei-Stunden-Essenz dünnhobelt.

Der kurze Abend ist aber zu atemberaubend, um Entzugserscheinungen aufkommen zu lassen. Die positive Kehrseite der Thalheimerschen Reduktion ist einmal mehr die Verdichtung, zu der er seine Schauspieler treibt. Hinter ihrer äußeren Kohlenstoffhärte funkelt aber immer noch ein verletzbarer Kern. Zumindest solange, bis sie alle hinter der Uniformität schäbiger Pappmasken verschwunden sind. Neben Katrin Wichmann, die hier endlich das Versprechen ihre großen Talents einlöst, ragen Peter Moltzen als Metzger Oskar, der seine untreue Marianne mit fast mörderischer Beharrlichkeit liebt, und Almut Zilcher als die nach Liebe gierende Tabakwarenhändlerin Valerie heraus.

Zilcher hat übrigens die gleiche Rolle 2005 schon mal gespielt, als Dimiter Gotscheff das Stück am gleichen Ort inszenierte. Diese Aufführung mit Fritzi Haberlandt gehört zu den Legenden der Ära Bernd Wilms. In einem neuen Jahrzehnt unter einem neuen Intendanten ist jetzt etwas Ebenbürtiges entstanden.

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