Sonntag, 17. März 2013

"Gladow-Bande" im Maxim-Gorki-Theater



Im Zeitalter der Familienmultiplexe vergisst man ja, was für ein krimineller Ort das Kino einst gewesen ist. In den Neunzigerjahren fuhren wir mal mit einem Berliner Taxifahrer, der uns im jovialsten Plauderton – als wär’s seine lustigste Kindheitserinnerung – erzählte, wie um 1950 eine Platzanweiserin von einer Gruppe Halbstarker im Dunkeln vergewaltigt wurde. In genau diese gesetzlose Welt des Kinos und des Nachkriegsberlins führt Armin Petras Stück „Gladow-Bande“ zurück. Im Maxim-Gorki-Theater sitzen die Protagonisten zunächst in Kinostühlen, und auf der Leinwand sieht man Bilder der zerstörten deutschen Hauptstadt – dazu erklingt Marlene Dietrichs „The Ruins of Berlin“.

Die Bande des Teenagers Werner Gladow war tatsächlich ein Geschöpf des Kinos. Von dort und aus der Schundliteratur bezog Gladow sein Wissen darüber, wie die bewunderten amerikanischen Gangster handelten und wie sie sich anzogen. Gern zitierte er Al Capone.

Aus dem Kinosessel erhebt sich zunächst das Bandenmitglied „Sohni“ Werner Papke, dessen reales Vorbild heute noch lebt und den Petras für das Stück befragt hat. Er kam, als die Bande aufflog, mit 15 Jahren Haft davon, während Gladow und zwei Komplizen 1950 geköpft wurden. Der wie immer unwiderstehliche Milan Peschel spielt den „Sohni“. Im breitesten Bühnenberlinerisch erzählt er vom wilden Vier-Sektoren-Chicago der späten Vierzigerjahre. Seine nassforsche Berliner Schnauze rattert schnell wie ein Thompson-Maschinengewehr in der Hand eines Mafia-Killers.

Irgendwann, nach zahlreichen mit Mord und Folter verbundenen Raubzügen, wurde Gladow bei seinen Eltern in Friedrichshain verhaftet. Vorher lieferte er sich, aus zwei Pistolen ballernd, eine lange Schießerei mit der Ost-Berliner Kripo. Seine Mutter half ihm beim Nachladen. Gespielt wird sie von Sabine Waibel, die auch als Geliebte Gladows auftritt. Ödipus, ick hör dir trapsen.

Der Schauspieler Johann Jürgens, der dem echten Gladow ähnlich sieht, steckt sich jetzt vor der großen Schlussschießerei unauffällig Stöpsel in die Ohren. Falls es die Absicht von Petras und Regisseur Jan Bosse war, den einsamen Wolf Gladow zu glorifizieren, haben sie ihr Anliegen nicht nur mit diesem unerwünschten Verfremdungseffekt unterlaufen.

Wer Gladow als überlebensgroßen Mythos wünscht, der ist mit dem Thomas-Brasch-Film „Engel aus Eisen“ von 1981 besser dran, den historischen Fakten kam Annett Gröschner mit verschiedenen Stücken 1999-2007 näher. Die aktuelle „Gladow-Bande“ von Petras ist bloß eine, vor allem dank Peschel, unterhaltsame Berliner Folklore-Revue.


Die Welt

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