Samstag, 9. März 2013

"König Lear" in den Münchner Kammerspielen

Die Großhirnrinde hat, so lehrt die Hirnforschung, hat die Funktion, alle Sinne zu einem Ganzen zu verbinden und sinnvolle Verhaltensmuster daraus herzustellen. Nur Tiere, die über eine Großhirnrinde verfügen, können auch dressiert werden, also ein Gedächtnis für sprachliche Anweisungen entwickeln. Man sieht: Die Großhirnrinde ist das Theaterorgan. Der Unterschied zwischen einem Schauspieler und einem dressierten Hund besteht darin, dass letzterer sich bloß "Sitz!" und "Platz!" merken kann, während ersterer ein Gedächtnis für sprachliche Anweisungen entwickelt hat, die durchaus so lang und komplex sein können wie William Shakespeares Drama "König Lear".

Problematisch wird es nur, wenn – wie jetzt in den Münchner Kammerspielen – bei einer Theateraufführung zwar reichlich Rinde vorhanden ist, aber nicht genug Hirn. Der Szenograph Bert Neumann hat die Bühne großzügig mit Mulch bedeckt, jenem Streu aus gehäckselter Baumrinde, das der Gärtner auf Beeten und Wegen ausbringt, um die Ausbreitung des Unkrauts einzudämmen. Weil der intensive Geruch der Rinde das Theater schon erfüllt, bevor sich der Vorhang hebt, widerstreiten im Zuschauer die Vorfreude auf das Stück und diejenige auf die bevorstehende Gartensaison.


Regie führt Intendant Johan Simons, unter dessen Leitung die Kammerspiele das geblieben sind, was sie auch schon unter seinen Vorgängern Dieter Dorn und Frank Baumbauer waren: Eines der besten und zuverlässigsten Theater im deutschsprachigen Raum. Aufgeboten ist ein Ensemble, dessen luxuriöse Qualität es erlaubt, auch die kleineren Rollen hochkarätigst zu besetzen. Und im Zentrum steht mit André Jung ein Schauspieler im besten Lear-Alter, der vor einigen Jahren hier als "Hiob" in Simons' Joseph-Roth-Vertheaterung mit einem der erschütterndsten Vater-und-Alter-Mann-Auftritte der allerneusten Bühnengeschichte an der Unsterblichkeit gekratzt hat. Die Erwartungen waren entsprechend hoch.

Der Vorhang weckt mit seinen rotweißen Vertikalstreifen vage Kindheitserinnerungen an das alte Logo der Eisfirma Langnese. Er soll aber wohl eher die Atmosphäre eines Zirkus heraufbeschwören. Mulch wird auch dort gern gestreut und die leicht schräge Plattform, auf der ein Großteil der Auftritte stattfindet, erinnert an die Manege eines kleinen Wanderzirkus.


Dabei schlägt der Dramaturg Koen Tachelet im Programmheft dem Zuschauer doch vor, man müsse sich Lear einmal auf einem Bauernhof vorstellen, der Urzelle kleinfeudaler Macht. Das ist okay, denn Lear gibt Hinweise auf seine Bauernseele, wenn er seinen Töchtern ganz zu Beginn den Fischreichtum der Flüsse, den Baumreichtum der Wälder und die Fruchtbarkeit der Ebenen anpreist, die er ihnen gerade bereits zu Lebzeiten vererbt hat. Nur: Bauernhof oder Zirkus? Ein Dilemma der Aufführung besteht darin, dass sie sich zwischen den beiden Welten nicht entscheiden kann.


Bekanntlich wird Lears Großzügigkeit ihm von den beiden bösen Kindern nicht gedankt (die gute Tochter Cordelia verstößt er bekanntlich aus verletzter Eitelkeit). Sie weigern sich, den umfangreichen Tross des nunmehr landlosen Papas durchzufüttern, demütigen seine Diener und geben dem Alten klar zu verstehen, dass er in ihren Augen nur noch ein unnützes, anstrengendes Wrack ist. Das tragische ist, dass sie mit ihrer Einschätzung, der Vater sei närrisch geworden, ja recht haben: Der König würde wohl kaum angesichts ihrer Undankbarkeit im Rekordtempo irre werden, wenn sein Hirn nicht vorher schon schwach gewesen wäre. Es ist also gar kein Kalauer, wenn man bei Lear Rindenwahnsinn diagnostiziert.

Nicht nur das kindlich-zirzensische Bühnenbild (es gibt auch noch einen glitzernden Manegenvorhang aus Lametta, in dem sich die Schauspieler manchmal verheddern) dämpft die Erwartungen auf Größe, schon bevor es eigentlich losgeht und signalisiert: "Kommse ran, kommse rein! Hier wird heute wieder einmal eine Riesenfigur der Weltliteratur auf Zirkuszwerggröße gestutzt." Auch die wirklich unfassbar bescheuerten Kostüme von Nina von Mechow ziehen die Figuren gleich auf Bauernstadelniveau runter. Die ersten fünfzehn Minuten verbringt der Zuschauer damit, sich an die Abgrundhässlichkeit der Langhaarperücken und schlecht sitzenden Wämser zu gewöhnen, die wohl vage mittelalterlich wirken sollen, aber bestenfalls an die Kluft einer gealterten Siebzigerrockgruppe erinnern, schlimmstenfalls an die Schrottplatzfamilie Ludolf aus dem Reality-Fernsehen.

Es ist also keineswegs allein die Schuld der Schauspieler, wenn bei der Szene, in der Lear und seine letzten Getreuen auf nächtliche, gewittergepeitschen Heide herumirren, niemals auch nur ein Hauch von Mitleiden aufkommt. Dieser Hauch hätte sich allerdings im Gebläse der Windmaschinen ohnehin kaum bemerkbar machen können. Es liegt auch am Drumunddran: Im Kasperlezirkus, in Clownskostümen und unter Idiotenperücken lässt sich Tragik nur schwer herstellen.

Wie um es den Protagonisten endgültig unmöglich zu machen, irgendeine Art von Rührung zu erwecken, lässt der Regisseur ausgerechnet in dieser Szene auch noch drei echte Schweine auf die Bühne treiben. Klar, Lear, sein Narr, der treue Kent und der arme Tom suchen Obdach in einem Stall. Und das ist der Gipfel seiner Erniedrigung. Aber gegen Tiere hat bekanntlich kein Schauspieler eine Chance. Erst recht nicht, wenn die Schweine durch ihre kreatürliche Gelassenheit deutlich machen, dass das furchtbare Unwetter, von dem die Menschen fabulieren, höchstens ein angenehmer Nieselschauer sein kann.

Als Großstadtmensch, der schon lange keine Schweine mehr gesehen hat, ist man zwar durchaus dankbar für die Gelegenheit, mal wieder zu bestaunen, was für schöne und erzsympathische Tiere das sind. Doch eigentlich soll sich die Empathie ja hier eher auf die Menschen richten als aufs Borstenvieh. Mal ganz abgesehen davon, dass Rinder hier auf der Rinde die logischeren Tiere gewesen wären.

Trotz allem ist diese "König Lear" nicht totaler Dung, Jauche oder Mist – um in der Metaphorik des Bauernhofs zu bleiben. Dafür sind die Kammerspiel-Schauspieler einfach zu gut. Man bemerkt die Qualität vor allem an den Rändern. Wolfgang Pregler gibt einen wunderbar stoischen Kent, der über seine eigene völlig unverdiente Treue zum Wahnsinnskönig Lear ständig milde ironisch zu staunen scheint. Annette Paulmann und Sylvana Krappatsch sind als böse Töchter Goneril und Regan zwei prachtvolle, im unerfüllten Ehebett vertrocknete und so zur äußersten Bösartigkeit konzentrierte Furien. Und Peter Brombacher als Graf Gloucester, dem von der Anti-Lear-Fraktion die Augen ausgerissen werden, schafft es als Blinder, der den eigenen Sohn Edgar (Kristof Van Boven) nicht erkennt, tatsächlich ein paar Mal, den Zuschauer wirklich zu ergreifen.

Und damit vollbringt er etwas eigentlich Unmögliches. Denn der Autor dieser Zeilen hat in 20 Jahren eigentlich noch nie eine geglückte Aufführung des "Lear" gesehen. Es ist, als stünde ein Distanz zwischen uns und diesem großen in so fernen Lebenswelten spielenden Stück Weltliteratur, die sich nur noch lesend aber nicht mehr spielend überwinden lässt.

Das gilt erst recht für den kompletten Schmarrn der Schlussszenen. Die sind dramaturgisch so absurd gebaut, dass sie schier unrettbar erscheinen. Lear und seine einzige treue Tochter Cordelia (Marie Jung) haben bekanntlich ein Heer aus Frankreich herbeigeführt, um sich zu rächen. Weil Shakespeare aber einen französischen Sieg seinem britischen Publikum nicht zumuten kann, aber trotzdem die Bösen bestrafen will, verstrickt er sich in komplizierteste Konstruktionen mit einem abgefangenen Brief, der dazu führt, dass der Schlachtensieger und Oberlump Edmund (Stefan Hunstein) doch noch gefällt wird und die beiden notgeil um ihn streitenden Schwestern Goneril und Regan gleich dazu. Dann kommt auch noch Lear mit der ermordeten Cordelia aus dem Kerker.

Unsere Großhirnrinde war bei soviel Logikmord und Wahrscheinlichkeitstotschlag noch nie in der Lage, das Seh-Hirn mit dem Trauerzentrum zu verbinden. Sondern die Synapsen feuern immer nur die Lachmuskeln an.

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