Donnerstag, 28. März 2013

"Sklaven" in der Kammerspielen des Deutschen Theaters

Das Bürgertum ist eine belagerte Festung. Oder eher ein schicker Bunker, dessen Tor die letzten Bourgeois mit MPs verteidigen. Der anonyme menschliche Trash da draußen bewirft sie aus der Dunkelheit mit einer ihm gemäßen Waffe: Müllsäcken. Wenn die Türen in einer Kampfpause mal geschlossen sind, rüsten sich die Bürger mit kulturkritischen Aphorismen auf, die klingen wie eine Blütenlese aus Medien von „Welt“ bis „Cicero“ und aus Büchern von Max Goldt bis George Steiner.

Ihre Individualität betonen sie nicht nur intellektuell. In Andreas Kriegenburgs Berliner Inszenierung „Sklaven“ hat ihnen die Kostümbildnerin Andrea Schraad Kleider auf den Leib geschneidert, die aussehen wie diejenigen, die Jean Paul Gaultier für Luc Bessons Science-Fiction-Klassiker „Das fünfte Element“ entworfen hat. Oder wie die Verkleidung einer Gang von Superhelden – am meisten ähneln sie mit mit ihren SM-artigen Gesichtsmasken Alan Moores postmodernen „Watchmen“. Manches ist auch direkt beim australischen Performance-Künstler Leigh Bowery abgekupfert. Aber eine der Damen sieht auch aus wie eine Mischung aus Biene Maja und Batmans größtem Gegenspieler, dem Joker. Superhelden müssen sie sein, um ihr letztes Reservat zu verteidigen. Der absurde Glamour ihrer Kostüme ist nur eine dekadente Panikblüte. Innen im Bunker prangt an der Wand schon unübersehbar als Menetekel das riesige Graffiti-Bild eines vermummten Molotowcocktailwerfers.

Als der Franzose Georges Courteline (1859–1929) seine oft schon die Grenze zum absurden Theater streifenden Stücke schrieb, war der Bürger noch die dominierende gesellschaftliche Daseinsform: Der echte Bürger – also einer, der sein ganzes Leben mit einer Frau verheiratet ist, der Krawatte und Hut trägt und sich stets im Einklang fühlt mit Staat, Kirche und Kapital.

Heute will keiner mehr konform sein, sondern alle mühen sich um Individualität. Sie sind Sklaven ihres Ich-Behauptungstriebs geworden. Das ist die etwas plakative Botschaft, die Kriegenburgs Inszenierung der fünf Einakter in den Kammerspielen des Deutschen Theaters verkündet. Der irre Glaube ans Ich ist die Gemeinsamkeit zwischen der Bürgerwelt vor 100 Jahren und unserem postbürgerlichen Zeitalter, die der Regisseur annimmt und mit der er hofft, den gewaltigen Riss zu verkleistern, der uns von Courtelines Charakteren trennt.

Das gelingt nur teilweise. Aber man sieht den Figuren doch gern zu beim verzweifelten Kampf um ihr Fitzelchen bürgerliche Restwürde. Sie mögen Erpresser, eifersüchtige Gockel, hirnrissige Bürokraten oder mondäne Schlampen sein, sie sind doch Pariser – Geschöpfe einer Zeit, als diese Stadt die aufregendste der Welt war. Sie tragen ihre Dummheiten und Gemeinheiten geschliffener vor als in deutschen Theaterstücken die größten Weisheiten ausgesprochen werden. Legt man diese Sätze tollen Schauspielern in den Mund – und daran hat es im Ensemble, zu dem unter anderen die treuen Kriegenburg-Gefährten Natali Selig und Hans Löw gehören, keinen Mangel –, dann gelten sie als unzerstörbar, egal, was sich Regisseure als Drumherum ausgedacht haben. Aber dass man auch Courteline unlustig spielen kann, hat ja Andrea Breth vor zwei Jahren mit ihrer zwar in Wien bejubelten, aber beim Berliner Gastspiel begähnten Komödiengymnastik „Zwischenfälle“ bewiesen.

Diesen Tod stirbt „Sklaven“ nicht. Es ächzt zwar unter dem übergestülpten Konzept, aber es bricht nicht zusammen. Manchmal wird der Kontrast zwischen der grotesken Comicdekadenz der Kostüme und der eigentlich ganz altmodisch vordekadenten Sturzbürgerlichkeit der Charaktere sogar ausgesprochen fruchtbar. Vor allem dann, wenn auch noch die naiven Provinzler oder die Hausmädchen vom Lande aussehen, als wäre ihr größter Traum, sich einmal im Darkroom von Ernie und Bert an die Hundeleine nehmen und dann so richtig hart sandwichen zu lassen.

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