Samstag, 13. April 2013

"John Gabriel Borkman" im Schauspiel Frankfurt

Vergesst Peer Gynt! John Gabriel Borkman ist der wahre nordische Faust. Man erinnere sich, dass der Goethesche Doktor am Ende seiner Dienstfahrten als Immobilienspekulant im wahrsten Sinne des Wortes strandete, nachdem er zuvor schon ein Land mit Währungsstricks ruiniert hatte – natürlich alles mit besten Absichten.

Wenn er danach nicht gestorben wäre, würde er – verlassen von Mephisto – vielleicht genauso wie Henrik Ibsens betrügerischer Bankrotteur Borkman in seinen Studierzimmer hocken und beim Nachdenken über die Vergangenheit zum Urteil kommen, er sei unschuldig: Schließlich habe er sich doch immer strebend bemüht.

"John Gabriel Borkman" wird seit 2008 von manchen Regisseuren als ein Stück missverstanden, das irgendetwas über die Bankenkrise von heute aussagt. Dabei erkennt man den Unterschied zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart, doch schon daran, dass Bankier Borkman einmal ernsthaft erwogen hat, sich zu erschießen. Soviel Ehrgefühl ist undenkbar bei den jetzigen Bankern, die noch im Bankrott auf ihre Boni pochen.

Die Regisseurin Andrea Breth ist zum Glück niemand, vom dem plumpe Aktualisierungen zu erwarten waren. Die Gegenwart drängt sich auch ohne ihr Zutun ins Stück, weil das Frankfurter Schauspiel im Schatten der Bankenhochhäuser liegt. Breth lotet lieber die literarische Tiefe der Figuren aus.

Das Dachgeschoss, wohin Borkman sich zurückgezogen hat, ähnelt mit seinen überall auf dem Fußboden sich stapelnden Folianten und den 1001mal zu Beginn irgendwelcher "Faust"-Aufführungen gesehenen hohen Zimmern – nur dass dieses hier naturgemäß nicht gotisch ist, sondern klassizistisch – dem Geschmack von Bankdirektoren im 19. Jahrhundert entsprechend. Der faustische Gesamteindruck wird noch verstärkt, durch den etwas mottenzerfressenen Pelzmantel, den der Schauspieler Wolfgang Michael trägt, als wäre hier, außerhalb der Gesellschaft, wo keine Anzüge mehr nötig sind, das mittelalterliche Element seines Charakters erst deutlich hervor getreten.

Es war aber schon immer da. Borkman ist der Sohn eines Bergmannes; allein das verknüpft ihn ja schon fast überdeutlich mit den romantischen Mittelalterfantasien der Zeit von Goethe und Novalis. Und wenn er vom Singen des Erzes schwärmt, das darauf wartet, durch die Hammerschläge der Grubenarbeiter endlich erlöst und seiner wahren Bestimmung im kapitalistischen Produktionskreislauf zugeführt zu werden, dann mixt er den Sound der Betriebswirtschaft mit alchimistischer Mystik. Faust spekulierte ja ähnlich hochriskant mit "ungehobenen Schätzen", als er diese zur Deckung des Papiergelds nutzte.

Es ist eine hübsche Insiderpointe, dass der Frankfurter Borkman mit einer Frau verheiratet ist, die in der prominentesten "Faust"-Inszenierung der letzten Jahrzehnte die Helena gespielt hat. Corinna Kirchhoff ist die Bankdirektorengattin Gunhild Borkman, die dem im gleichen Haus lebenden Ehemann aus dem Weg geht, seitdem er vor acht Jahren aus dem Gefängnis zurückkam.

Sie verzeiht ihm nicht, dass er durch seinen Ruin auch ihren Ruf zerstört hat. Helena muss ja im "Faust" nicht mehr miterleben, wie der Gatte mit Land aus dem Meer spekuliert und Philomenon und Baucis mordet. Aber wenn, dann hätte sie vielleicht genau verbittert und schmallippig reagiert.

Dem gemeinsamen Sohn der Borkmans ergeht es allerdings entschieden besser als Euphorion, dem Spross von Helena und Faust, und auch besser als den meisten jungen Menschen in anderen Ibsen-Dramen. Erhart Borkman (Christian Erdt) fährt am Ende mit der geschiedenen Frau Wilton (Claude De Demo) aus dem Nachbarhaus davon in ein eigenes Leben. Sein Heil sucht er zurecht eher in den halbseiden erotischen Sphären, die diese Frau mit dem Schauspielervornamen Fanny verkörpert, als darin, die Erwartungen seiner Altvorderen zu erfüllen.

Diese sind alle von unterschiedlichster Abstrusität: Gunhild will, dass er Karriere macht, um den Namen Borkman wieder aufzupolieren. Ihre Schwester Ella (Josefin Platt), die den Jungen einige Jahre als Pflegemutter angenommen hatte, hofft, dass er ihr in der kurzen Zeit beisteht, die die Todkranke noch zu leben hat.

Und Borkman Senior, der aus dem Dachgeschoss heruntergekommen den Junior nach langer Zeit mal wieder wahrnimmt, versucht gleich, den jungen Mann in seine großartigen Comeback-Pläne einzubeziehen. Die Möglichkeit, Erhart könne eigene Absichten haben, ist im Denken dieser egoistischen Monster nicht vorgesehen.

Denn darin ist Ibsens Stück überhaupt nicht faustisch-romantisch, sondern ganz modern psychologisch: Alle drei Elternfiguren üben eine Form emotionalen Missbrauchs an Erhart aus, die erst in der Gegenwart in Mode gekommen ist. Früher, als die Eltern für ihre Kinder noch kleine Kaiser waren, war derartige seelische Erpressung ja gar nicht nötig.

Heute, wo die Regeln des Gehorsams nicht mehr so streng sind, muss man sich allerhand Psychotricks einfallen lassen, um die Sprösslinge auf Linie zu bringen. Darin gleicht Gunhild eher Enid, der Mutter aus Jonathan Franzens "Die Korrekturen", als einer klassischen Dramengestalt.

Allerdings waren Enids Mittel, die Kinder noch zu einem letzten Weihnachtsessen zu zwingen, wesentlich subtiler als die von Gunhild. Frau Borkman ist eine laute Hyäne des veräußerlichten Gefühls. Mit dem minutenlangen Heultheater, das sie beim Weggang des Sohnes spielt, parodiert die Schauspielerin Corinna Kirchhoff ein bisschen sich selbst und alle großen Tragödinnen alten Stils. Hier ist das Gold des hohen Tones heruntergewechselt ins Kleingeld eines Emotionskrawalls, mit dem sie in jeder Trashtalkshow ein gern gesehener Gast wäre.

Der Kontrast ist umso größer, weil die Figuren hier – wie man es im werktreuen Qualitätstheater der Andrea Breth erwarten kann – eher durch kleine Gesten charakterisiert werden. Borkmans letzter verbliebener Freund, der verhinderte Bühnendichter Vilhelm Foldal (Peter Schröder), stopft sich, kaum im Dachgeschoss angekommen, mit Schnipseln aus dem Papierkorb die feuchten Schuhe aus. Man ahnt, dass das Papier, auf dem seine Tragödie steht, genauso wenig wert ist. Papier verrät auch Foldals Tochter Frida (Wiebke Mollenhauer): Die Noten, die die Klavierschülerin beim Anblick von Erhart fallen lässt, zeigen sie als schreckhaft hoffnungslos Liebende.

Borkman hat es wie sein Dichterfreund mit dem Schuhwerk: Nachdem er den Pelzmantel ausgezogen und die alte, lange eingemottete Bankdirektorenkluft wieder angezogen hat, putzt er neurotisch an seinem Schuhen herum, als befände sich genau dort der entscheidende Fleck, der noch wegpoliert werden muss, um die Rückkehr zu Macht und Geld zu ermöglichen.

Trotz solcher Ticks wirkt Borkman neben seiner hysterischen Gattin fast wie ein Vernunftmensch. Wolfgang Michael ässt manchmal eine ironische Distanz zum eigenen Gerede aufblitzen, die andeutet, der Bankrotteur habe seine Klause unter dem Dach nicht nur verlassen, weil seine Jugendliebe Ella im Geisterhaus angekommen ist, sondern auch, weil er die Sinnlosigkeit seines Spinnerdaseins da oben wenigstens ahnt.

Ellas Wunsch, der junge Erhart möge in den letzten Tagen ihres Lebens bei ihr sein, war, verglichen mit den Fantasien von Schwester und Schwager, sowieso recht bescheiden. Ihr Schicksal ist dennoch dasselbe wie das der beiden anderen Kindesmissbraucher.

Am Ende dieses ansonsten erwartungsgemäß textfrommen Abends lässt die Regisseurin Andrea Breth noch einmal den Vorhang heben. Sie hat den ganzen geschwätzigen Schluss gestrichen. Gestrichen Borkmans Tod. Gestrichen die Versöhnung der Frauen über seiner Leiche.

Und die 1001 Kältemetaphern, mit denen die Figuren sich selbst erklären, sind zu einem einzigen Bild verdichtet: Die Villa ist abgeräumt, und die beiden Schwestern liegen wahrhaftig tiefgekühlt da. Schweigend und im Dunkeln.

Bühnenbildnerin Annette Murschetz hat eine Eisberglandschaft errichtet, in der Gunhild und Ella mit ihren gescheiterten Hoffnungen kollidiert sind. Während die Damen schon in der Horizontale on the Rocks verharren, putzt Borkman im Vordergrund stehend noch immer an seinen Schuhen herum. Die Schrecken des Eises und der Finsternis wird er so nicht wegwischen.

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